Der dreizehnte Mann

Der dreizehnte Mann

 

Dr. Emil Reisick hat bei der Forschung zu seinem Buch über Obsteig von  dem dreizehnten Mann in Finsterfiecht erfahren.

In Finsterfiecht lebten so vor 300 – 400 Jahren in sechs Häusern um die  zwölf Familien. Diese Dorfgemeinschaft hatte allerlei gemeinsam zu erledigen oder in ihrer Weilerversammlung zu besprechen. So wurde gemeinsam die Wasserleitung aus Holzrohren von der Quelle am Thalmahd  bis zum Dorfbrunnen errichtet, gemeinsam die Wege ausgebessert und die Alpschichten am Simmering geleistet. Zu jeder dieser Gemeinschaftsarbeiten  und Versammlung musste nach alter Gemeinsordnung der Dorfmeister , oder wie man damals sagte der „Gewalthaber“ seine Nachbarsleute aufbieten. Nachdem  jede Familie der Nachbarschaft verpflichtet war, zu diesen Gemeinsarbeiten einen Mann zu entsenden kam es häufig vor, dass genau zwölf Männer zusammen kamen. Kaum hatten diese Männer mit der Arbeit begonnen gesellte sich ein unbekannter  Dreizehnter zu ihnen und fragte ob er mithelfen könne. Hilfe wurde immer gerne angenommen, besonders deshalb weil sich dieser fremde Helfer als besonders geschickt erwies.

Normalerweise ging so eine Gemeinsarbeit immer friedlich zu Ende. Jedesmal jedoch, wenn so ein Dreizehnter als Helfer dabei war,  gerieten die Finsterfiechter bis zum Abend heftig in Streit. Der Dorfmeister hatte alle Mühe seine Nachbarn davon abzuhalten, sich gegenseitig  zu verprügeln. Der Dorfmeister hatte viel zu tun, um diese Streitigkeiten bis zur nächsten Gemeinsarbeit  in der Nachbarschaft wieder beizulegen.

Einmal  berief der Dorfmeister seine Nachbarn zu einer Versammlung am Dorfbrunnen ein, diesmal ging es um den Bau der Finsterfiechter Kapelle.  Wieder gesellte sich ein Fremder dazu, der vorgab vom Handwerk der Maurer und Zimmerleute einiges zu verstehen. Wieder gerieten die Nachbarn in Streit, obwohl dieser Fremde mit seinen Worten eigentlich gar nichts zu diesem Streit beitrug. Als  der Streit so richtig tobte, machte sich der Dreizehnte ohne Gruß davon, so wie auch schon vorher bei anderen Gemeinsarbeiten und Versammlungen.

Der Dorfmeister war ein kluger Mann und sann auf Abhilfe. Bei der nächsten Besprechung  am Dorfbrunnen blieb immer einer der Nachbarn hinter der Haustüre stehen, sodass er alles mithören konnte. Wenn dieser Eine etwas zu sagen hatte kam er heraus und sofort ging ein anderer hinter diese Haustüre. So waren immer nur  elf Männer beisammen. So konnte kein Dreizehnter dazu kommen und die Versammlung der Nachbarschaft verlief friedlich.

Die Nachbarn überlegten, wer wohl dieser Dreizehnte sein könnte, der sich immer in anderer Gestalt als Fremder zu ihnen gesellte. Das könne wohl nur der Teufel sein, der uns dann so hinterlistig zum Streit verführte meinte der Schmied.  Der Rechenmacher hatte einen Vorschlag.  „Wir schnitzen alle in unser Werkzeug ein kleines Kreuz – so etwas mag der Teufel gar nicht – dann werden wir ja sehen“.

Gesagt – getan jeder schnitzte sich ein kleines Kreuz in sein Werkzeug, der Schmied hämmerte ebenfalls ein kleines Kreuz in jedes seiner Werkstücke. Der Dorfmeister steckt sich immer, wenn er zur Gemeinsarbeit geboten hatte ein kleines hölzernes Kreuzlein  in seine Jackentasche.

Darauf hin wurde nie mehr ein Dreizehnter gesehen, wenn die zwölf Finsterfiechter zur Gemeinsarbeit zusammen kamen.

So konnte auch die Finsterfiechter Kapelle gemeinsam in Eintracht errichtet werden und trägt die Jahrzahl 1742.

 

Aufgeschrieben hat diese Geschichte Toni Riser, im Juni 2019

 

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Quelle: Chronik Obsteig