in Chronik 1986

MÜNCHEN. Zur Frage des Brennerbasistun­nels hat der bayerische Staatsminister Anton Jau­mann für die Tiroler Tageszeitung einen Exklusivbericht verfaßt. Und er schlägt eine Bresche für den Brennertunnel.

„Die bayerische Staatsregierung tritt seit vie­len Jahren dafür ein, daß die Leistungsfähigkeit der Eisenbahnverbindung München-Verona durch einen Neubau der Brennerstrecke mit ei­nem Tunnel unter dem Alpenhauptkamm ent­scheidend verbessert wird. Dabei geht es nicht darum, bayerische Interessen auf Kosten ande­rer zu verwirklichen, sondern um die Lösung ei­nes Problems von europäischer Dimension. Aus umweltpolitischen, verkehrspolitischen und energiepolitischen Gründen, aber auch im Inter­esse der Bevölkerung erscheint es nicht vertret­bar, daß der Straßengüterverkehr auf der Bren­nerachse weiter so zunimmt wie bisher wenn nichts Durchgreifendes geschieht.

Seit 1970 ist der Güterverkehr über den Bren­ner auf der Straße in Nord-Süd- und Süd-Nord­ Richtung von 3, 1 Millionen Tonnen (netto) jährlich auf über 14 Millione Tonnen im Jahre 1984 angewachsen. Demgegenüber ist das mit der Eisenbahn transportierte Gütervolumen nur ge­ingfügig von 3,6 Millionen Tonnen auf etwas über vier Millionen Tonnen gestiegen. Das besondere Interesse Bayerns ergibt sich aus der Tatsache, daß Italien Außenhandelspartner Nummer eins ist. Verkehrsverbindungen im zentralen Alpenraum sind für Bayern wirtschaftlich lebenswichtig, aber auch von erheblichem Gewicht für Italien, die Bundesrepublik Deutschland und für Nord- und Nordwesteuropa.

Prognosen besagen, daß das Verkehrssy­stem am Brenner im Jahre 2000 auf eine jährli­che Kapazität von bis zu 30 Millionen Tonnen für beide Richtungen ausgelegt werden müßte. Selbst wenn die Kapazität der vorhandenen Brennerbahn erheblich gesteigert wird, bliebe gegen Ende dieses Jahrhunderts ein Straßen­güterverkehr dem die Brennerautobahn nicht gewachsen sein wird, von den Belastungen für die Anlieger ganz zu schweigen.

In allen beteiligten Ländern bemüht man sich, die Rolle der Eisenbahn, vor allem im Güterver­kehr, wieder zu stärken. Die Brennerachse mit ihrem hohen Anteil des Lkw-Verkehrs bietet ein besonders großes Potential zur Stärkung des Marktanteils der Eisenbahnen.
Der wachsende grenzüberschreitende Ver­kehr ist Spiegelbild zunehmender internationa­ler Arbeitsteilung. Wird dem nicht durch geeig­nete verkehrswirtschaftliche Maßnahmen Rech­nung getragen, dann steht diese Arbeitsteilung und damit der „Wohlstand der Nationen“ auf dem Spiel.

Pressemeldungen zufolge hat sich die Land­tagsfraktion der Südtiroler Volkspartei am 22. / 23. Februar 1986 für einen Brennerbasistunnel ausgesprochen. Ich begrüße diesen weitblicken­den Entschluß nachdrücklichst. Konnte doch in letzter Zeit verstärkt der Eindruck entstehen, als ob in der Brennerfrage aus der Sicht Südtirols „nichts mehr gehen würde“. In unser aller ge­meinsamem Interesse hoffe ich, daß sich nunmehr die Südtiroler Landesregierung bald für den Basistunnel entscheiden wird…

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Quelle: Tiroler Tageszeitung, 16.4.1986

Orginaldokument: Eine Bresche für den Brennertunnel