Pfarrkirche Hl. Josef QR

Die Pfarrkirche Obsteig

 

I   Baugeschichte

 

Bis 1833 war Obsteig einer von vielen Weilern der Gemeinde Miemingerberg (heute sind das die Gemeinden Mieming, Wildermieming, Mötz und Obsteig). „Obsteig“ bezeichnete den Bereich rund um Schneggenhausen (in etwa das Gebiet des Ortsteils Unterstrass der heutigen Gemeinde Obsteig), jedoch waren mit „Obsteiger“ damals schon die Bewohner:innen von Klamm bis Aschland gemeint.

Nahe der heutigen Obsteiger Pfarrkirche stand eine zum Teil aus Holz gebaute Kapelle ohne Messlizenz. Die Pfarrkirche (die Kirche, in der ein Pfarrer seines Amtes waltete) der Obsteiger:innen war die Kirche in Untermieming, was bedeutete: Für Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen etc. musste man die Kirche in Untermieming besuchen.

1764 richteten Obsteiger Bürger ein Gesuch an den Bischof von Brixen, anstelle der kleinen und baufälligen Kapelle „Zur Heiligen Familie“ eine neue, einfache Kirche bauen zu dürfen, in der ein Priester die Sonntagsmesse lesen konnte. Dies würde der Obsteiger Bevölkerung den weiten und langen Kirchgang nach Untermieming ersparen.

Da der Abt des Stiftes Stams, Vigilius Kranicher, eine Pfarrkirche in Obsteig ablehnte, erfolgte die Baugenehmigung erst 1771 und zwar in Form einer Anordnung des Guberniums Innsbruck (Landesregierung), Obsteig eine „bis aufs Dach gemauerte“ Kirche errichten zu lassen.

1773 war die Kirche (23 m lang, 10 m breit) bis auf den Turm großteils fertig, die alte Holzkapelle abgetragen.

Ein Jahr später wurde erstmals eine Messe in der neuen Kirche zelebriert. Eingeweiht wurde sie jedoch erst 1780 vom Brixener Fürstbischof.

Die Kirche wurde dem Heiligen Josef geweiht, der den Heiligen Georg ab 1772 als Tiroler Landespatron (auf Betreiben von Kaiserin Maria Theresia) ablöste. Das Fresko über dem Rundbogenportal zeigt ihn mit dem Jesuskind.
Josef als Kirchenpatron passte auch als Fortsetzung des Patronats der alten Kapelle: Josef als Oberhaupt der „Heiligen Familie“.

 

Die ostseitig an die Kirche angebaute zweistöckige Sakristei wurde 1993 erweitert.

 

1787 wurde Obsteig zur Pfarrei. Das hatte zur Folge, dass ein Widum als Wohnstätte eines Pfarrers gebaut (1991 renoviert) und ein Friedhof (erweitert 1957 und 2003) angelegt werden musste.

 

Die Kirche ist im Stil des Spätbarocks (Rokoko) gebaut. Wäre der (36,7 m hohe) Turm zeitgleich mit der Kirche errichtet worden, hätte er wahrscheinlich ein Zwiebeldach erhalten. Da er aber erst gut 50 Jahre später (1834/35 oder um 1850) entstand, erhielt er – dem damaligen Zeitgeist entsprechend* – einen neugotischen Spitzhelm.

* In der Zeit ab circa 1850 bis zum Ersten Weltkrieg griffen Architekten und Künstler oft auf historische Stilrichtungen zurück (>Historismus<, Neuromanik, Neugotik, Neurenaissance, …).

Weil der Verputz des Turms der Witterung nicht standhielt, wurde 1903 eine Blechverkleidung angebracht. Diese wurde 1998 aus optischen Gründen wieder abgenommen und da auch der neu aufgebrachte Verputz bald wieder abbröckelte, wurde die Wetterseite 2011 mit Lärchenschindeln verkleidet.

2023 musste das Turmdach saniert werden. Es wurde wieder mit Lärchenschindeln eingedeckt und erhielt 2024 einen roten Schutzanstrich.

 

Trotz des jahrzehntelang fehlenden Turms sind zwei Glocken und eine Kirchenuhr ab 1786 bzw. 1789 bezeugt.
Bis auf die Sterbeglocke (vmtl. 1793) sind alle Glocken während der Weltkriege konfisziert, eingeschmolzen und danach durch neue ersetzt worden:
1948: die 213 kg schwere Johannes-Glocke (cis´) und die 120 kg schwere Amalien-Glocke (e´)
1949: die Josef-Glocke (530 kg, gis´) und die Aloisius-Glocke (310 kg, h´).
Seit 1978 ist ein elektrisches Läutwerk in Betrieb.

 

Seit 1870 besitzt die Pfarrkirche ein Großgemälde: Das „Heilige Grab“ (renoviert 2006): Das Andachtsbild wird jährlich zu Ostern aufgestellt.

 

Um 1885 wurde die Lourdes-Kapelle an der westseitigen Friedhofsmauer errichtet.
2005 wurde die Kapelle restauriert.

1858 erlebte die 14-jährige Bernadette Soubirous (1844 – 1879) in einer Grotte bei Lourdes (Südfrankreich) mehrere Marienerscheinungen. Lourdes entwickelte sich rasch zu einem wichtigen Wallfahrtsort. Zu dieser Zeit entstanden im katholischen Einflussbereich zahlreiche Nachbildungen der Lourdes-Grotte. Im Zentrum steht jeweils eine Nachbildung der Madonnenfigur, die der Bildhauer Hugues Fabisch 1864 nach den Angaben der 1933 heiliggesprochenen Bernadette schuf.

 

Die 1894 gebaute Totenkapelle nordwestlich der Kirche fiel 1980 dem Ausbau der Bundesstraße zum Opfer.

 

Als Ersatz wurde 1982 die Aufbahrungshalle zwischen Kirche und Volksschulgebäude errichtet. Das Bronzeportal ist ein Werk von Elmar Kopp aus Imst, die Glasfenster entwarf Norbert Strolz aus Landeck

 

 

II   Innenausstattung

 

Die Innenausstattung der Kirche ist geprägt von Werken hoher Qualität:
Die Maler Franz Anton Zeiller aus Reutte (1716 – 1794) und Wolfram Köberl aus Innsbruck (1927 – 2020),
die Bildhauer Martin Falbesoner aus Nassereith (1728 – 1815), Josef Bachlechner aus Südtirol (1861 – 1923) und Hermann Rieser aus Obsteig (1917 – 1983),
der Glasmaler Franz Zettler aus München (1865 – 1949),
sie alle galten zu ihren Lebzeiten – und gelten bis heute – als Meister ihres Fachs.

Die drei Altäre stammen aus der Zeit der Erbauung der Kirche. Die 14 Figuren der Altäre wurden 1773/74 von Martin Falbesoner gefertigt. Das Bild des Hauptaltars ist ein Werk von Franz Anton Zeiller, die Bilder der Seitenaltäre sind nicht signiert.

 

Der Hauptaltar

Das Altarbild zeigt Josef, den Kirchenpatron, als Fürbitter: Ein Priester – nach damaligem Verständnis der Vermittler zwischen Gläubigen und Heiligen, die wiederum direkten Kontakt zu Gott hatten – erhält von Josef die Bestätigung („fiat“ – „es geschehe“) eines Schreibens mit der Bitte um einen „seeligen Tod“. Das Jesuskind unterschreibt ein weiteres Bittgesuch, Engel verwalten den Schriftverkehr von unten nach oben und umgekehrt, eine Frau in Oberinntaler Tracht wartet mit einem weiteren Bittschreiben.
Die Szene erinnert an das k. u. k. Verwaltungssystem mit seinem hierarchischen Beamtenapparat.

Die Figuren:

Links und rechts stehen Joachim und Anna, die erst in höherem Alter zu Eltern von Maria, der Mutter Jesu, wurden.
„Mutter Anna“ wurde ab dem Mittelalter als Patronin für Mutterschaft und Mütterlichkeit verehrt.
Eine Figur der „Mutter Anna“ und ihrer Tochter Maria wird bei Prozessionen in Obsteig von Frauen mitgetragen.
Joachim gilt als Patron der Eheleute.
Oben sind die Apostel Johannes – einer der vier Evangelisten – (links) und Andreas – der Bruder des Simon Petrus – dargestellt.

Ganz oben: eine Halbfigur von Gottvater mit der Erdkugel und darunter eine Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert.

Die blattvergoldete Tabernakelzone mit drehbarem Schrein (Kelch, Monstranz und Darstellung von Christus am Kreuz) wurde 1880 und 1942 renoviert. Die Reliefs zeigen das Opfer Abels und Moses mit den Gesetzestafeln.

Dahinter befinden sich auf beiden Seiten Reliquienschreine verschiedener Heiliger.
(„Die Reliquienverehrung war durch viele Jahrhunderte in der Kirche üblich, ja der einträgliche Handel mit ihnen blühte zeitweise gewaltig auf. Ob es sich dabei tatsächlich immer um echte Knochenspäne, Haarteile oder Zahnbruchstücke von Heiligen handelte, sei dahingestellt, jedenfalls wurde damit viel Geld gemacht. Einzig und allein ein Partikel vom Kreuz Jesu in der Wettermonstranz von Obsteig ist vielleicht ernst zu nehmen. Die römische Kaisermutter Helena (Anm.: ca. 250-330 n. Chr., Mutter des Kaisers Konstantin des Großen) hat nach der Überlieferung das Kreuz Jesu in Jerusalem aufgefunden. Doch woher Obsteig einen Span davon hat, ist nicht bekannt. Vielleicht stammt die Wettermonstranz aus dem Stift Stams, das über eine große Reliquiensammlung verfügte.“ Chronik Hubert Stecher)

 

Der linke Seitenaltar

Das Altarbild zeigt den Heiligen Alosius von Gonzaga (1568 – 1598, Jesuit, Patron der Jugend und der Studierenden) unter der Gottesmutter mit dem Jesuskind.

Die Figuren:
Die Apostel Simon der Ältere (links), der der Legende nach als Märtyrer starb, indem er bei lebendigem Leib zersägt wurde und Jakobus (rechts), ein Verwandter Jesu, dessen Martyrium darin bestand, dass er in Jerusalem von den Tempelzinnen gestürzt und mit einer Keule erschlagen wurde.
Die Frauenfigur oben links konnte bisher noch nicht identifiziert werden, rechts ist die Heilige Elisabeth von Thüringen (1207 – 1231) dargestellt. Sie gilt als Sinnbild tätiger Nächstenliebe und ist Patronin der Caritas, Bettler, Witwen und Waisen.

 

Der rechte Seitenaltar

Das Altarbild zeigt den Heiligen Isidor von Madrid (+ um 1130, Patron der Bauern) im Gebet, während ein Engel mit weißen Stieren oder Ochsen seinen Acker pflügt. Dieses Bild hat vermutlich mit der Pfarre Untermieming zu tun, wo heute noch jährlich eine feierliche „Isidori-Prozession“ stattfindet.

Die Figuren:
Links der Heilige Franziskus / Franz von Assisi (1181 oder 1182 – 1226, Gründer des Franziskaner-Ordens, heute noch Sinnbild für einfaches Leben und Wertschätzung der Schöpfung) und rechts der Heilige Antonius von Padua (ein Nachfolger des Franziskus, berühmter Prediger, wird angerufen bei zahllosen Leiden – bekannt ist etwa seine Hilfe beim Auffinden verlorener Gegenstände).
Oben sehen wir links die Heilige Katharina von Alexandrien (um 300 n. Chr., außergewöhnlich gelehrte und schöne Frau, starb den Märtyrertod nach Folterung mit Rädern …) und rechts die Heilige Barbara von Nikomedien (um 300 n. Chr., Märtyrerin, Patronin der Bergleute, „Barbarazweige“ am 4. Dezember …

 

Die Orgel

von Johann Georg Gröber aus Innsbruck wurde 1848 eingebaut, 1945/46 erweitert und 1984 dem Original entsprechend restauriert.

 

 

Figuren in der Kirche

 

Maria Immaculata (im Glasschrein links, von Josef Bachlechner, 1903)

 

Schutzengelgruppe (im Glasschrein rechts, von Martin Falbesoner, um 1770)

 

Figur des Hl. Josef (über der Sakristeitür, von Hermann Rieser, 1949)

 

Von der Herz Jesu-Statue in der Nische der rechten Chorwand ist lediglich bekannt, dass sie 1941 von Pfarrer Gerards von der Pfarrkirche Zams angekauft wurde.

 

 

Fresken

 

1981 gestaltete Professor Wolfram Köberl, ein mit der barocken Freskomalerei bestens vertrauter Künstler, die Fresken im Gewölbe der Kirche.

Über dem Altarraum: der Traum Josefs, in dem ein Engel ihm mitteilt, dass das Kind seiner schwangeren Frau der Erlöser sein wird, überstrahlt von Maria, der sonnenumkleideten Gottesgebärerin.
Über dem Kirchenschiff sehen wir den zwölfjährigen Jesus im Tempel zu Jerusalem, umgeben von den Schriftgelehrten. Umrahmt wird die Szene von Textstellen und Attributen der vier Evangelisten. Mattheus (Attribut: Mensch), Markus (Löwe), Lukas (Stier), Johannes (Adler – W. Köberl hat dazu den Tiroler Adler verwendet).

Über der Empore: die Harfe, das Wappen von David, dem Stammvater Josefs.

1999 schuf W. Köberl die Kreuzweg-Stationen.

 

 

Glasfenster

Aus der Werkstatt des Franz Zettler aus München stammen die (1943 und 1944 gefertigten) 6 Glasfenster, die das Leben des Heiligen Josef zum Thema haben: die Herbergsuche, die Geburt Christi, der Traum Josefs, die Flucht nach Ägypten, Josef und Jesus in der Werkstatt sowie die Todesstunde Josefs.

 

Nachsatz: Was wir „unsere Kirche“ nennen, ist über viele Jahre hinweg gewachsen und wurde laufend renoviert, verändert und erweitert.
Dass die Kirche ist, wie sie ist, beruht – damals wie heute – auf Beiträgen vieler Menschen in Form von Arbeitsleistung, Sach- und Geldspenden. Über die Motive dieser Menschen wissen wir wenig. Das in schriftlicher Form Erhaltene ist jedenfalls nur ein Teil der Geschichte. Unzählige Anspielungen auf Texte aus der Bibel und andere Botschaften sind darin in Form von Bildern, Figuren und anderen Objekten verbaut. Wir werden sie nicht alle vollständig verstehen.
Bei jeder Renovierung kommt etwas wieder ans Licht, etwas verschwindet und Neues kommt hinzu. Was jedoch bleibt, ist die Energie und das Weltbild derer, die im Lauf der vielen Jahre – mehr oder weniger sichtbare – Spuren hinterlassen haben. Ob Mauerwerk, Kunstwerke oder abgenutzte Bänke, ist einerlei.
Unsere Kirche ist kein Museum und solange sie sich verändert, bleibt sie ein lebendiger Ort.

 

Quellen: Chronik Obsteig, Chronik Hubert Stecher, Pfarrchronik

Text: Herbert Krug, Chronik Obsteig

Bilder: Chronik Obsteig

 

 

 

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Quelle: Chronik Obsteig