in Chronik 1996

Ist die B 189 von Telfs bis Nassereith eine Todesstrecke?

Die ersten 22 km der Mieminger Bundesstraße sind durch einen Unfall mit Todesfolge in der vergangenen Woche in Ruf einer „Todesstrecke“ gekommen. Was macht diese idyllische Straße so gefährlich?

Von Monika Blüm

„Gerald, wir lieben dich! Pfiatdi!“ waren die Abschiedsworte die die jugendlichen Sarg- und Kranzträger am vergangenen Mittwoch im Untermieminger Friedhof ihrem verunglückten Freund Gerald Happ mit auf seinen letzten Weg gaben. Und dann füllten Tränen ihre Augen. Heiße und bittere Tränen, die nichts mehr ungeschehen machen konnten; Tränen, die die Erinnerungen vor dem inneren Auge zum Verschwimmen brachten: die Erinnerungen an all die gemeinsamen Stunden, in denen man an den Autos und Motorrädern herumgebastelt und das Fahren geübt hatte; und in denen man um die Wette gefahren war auf der bis in jedes kleinste Detail bekannten, geliebten Strecke. Kurz ist auch das prickelnde Gefühl vergessen, das der Geschwindigkeitsrausch in der Magengegend verursacht. Dieses „coole“ Gefühl, das hier am Sarg zum kalten Hauch des Todes gefriert.

Wieder trauert Mieming

Viele Menschen waren zum Begräbnis gekommen. Und viele von ihnen kennen aus eigener Erfahrung, was diese Familie in den nächsten Jahren erwartet. Die Trauer, die Leere, der Schmerz – aber auch die Wut, der Zorn, die Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Gerald ist ja nicht das einzige Unfallopfer vom Plateau und auch nicht das einzige von der B 189. Vor 11 Monaten wurde einige Meter von ihm entfernt Annemarie Spielmann begraben, sie verunglückte nur einen Kilometer von seiner Unfallstelle entfernt. Sie sind nur zwei von 16, die seit 1990 auf dieser Straße zwischen Nassereith und Telfs durch einen Verkehrsunfall ums Leben kamen, wie der Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV)-Tirol zu entnehmen ist. Und nach dem Unfall der Vorwoche tauchte dann das häßliche Wort „Todesstrecke“ in einem Medium auf.

Wieder Kerzen am Straßenrand der B 189 …

Todeshäufungen

Herr Comet vom KfV-Tirol erklärte gegenüber der Rundschau, daß es auf dieser Straße drei Abschnitte mit einer jeweils gehäuften Unfallsart gäbe. Im ersten Teil ab Telfs fallen tragische PKW-Unfälle auf, gefolgt von einem längeren Waldstück mit vermehrten Wildunfällen, die aber für die Menschen meist glimpflich ausgehen. Im Abschnitt zwischen Obsteig und Nassereith erschrecken besonders schwere Motorradunfälle. Dieser Teil der B 189 ist eine beliebte ,,Rennstrecke“ für die einheimische Motorrad-Jugend, die der Exekutive wohl bekannt ist. Zwar sind Statistiken für viele nur leere Zahlen, die Altersstruktur dieser 16 Todesopfer sagt allerdings einiges über die Unfallursachen aus. Über die Hälfte, nämlich neun der Verunglückten sind 17 bis 22 Jahre alt, fünf Opfer 30 bis 54. Die beiden Fußgängerinnen die im Ortsgebiet (Telfs, Mieming) verunglückten, waren 80 und 90 Jahre alt. Sechs der Opfer waren weiblich, fünf nur Mitfahrer und ein einziger war Ausländer. Der Unfalltote ist hier also männlich, Inländer und nicht älter als 22.

Gründe?

„Die Leute fahren über ihre Verhältnisse!“ gab der Nassereither
Gendarmerie-Postenkommandant Eduard Schüler als Hauptursache für die Unfälle auf dieser Strecke an. Besonders die jugendlichen Fahrer würden zuwenig Abstand halten, zu schnell fahren und hätten zuwenig Fahrpraxis für diese Geschwindigkeit.

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Quelle: RUNDSCHAU 2.7.1996

Orginaldokument: 16 Tote in sechs Jahren