Ein außergewöhnliches Naturschauspiel über Obsteig und dem Mieminger Plateau
Warum ziehen plötzlich Kraniche über Obsteig?

Der Kranich (Grus grus) gehört mit einer Körperhöhe von rund 120 Zentimetern und einer Flügelspannweite von bis zu 220 Zentimetern zu den größten europäischen Vögeln.
Noch vor wenigen Jahrzehnten waren ziehende Kraniche in Tirol eine ausgesprochene Seltenheit. Ihre traditionellen Zugrouten führten hauptsächlich westlich oder östlich an den Alpen vorbei. Seit den frühen 2000er-Jahren hat sich jedoch eine zusätzliche Zugroute über Österreich entwickelt. Seit etwa zehn Jahren werden auch im Alpenraum vermehrt Kraniche beobachtet.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die europäischen Kranichbestände haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erfreulich entwickelt. Gleichzeitig verändern sich Zugrouten und Rastgewohnheiten. Auch klimatische Veränderungen spielen dabei eine Rolle.
Dass in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober derart viele Kraniche durch das Tiroler Oberland zogen, war allerdings eine Besonderheit. Vermutlich spielte die geschlossene Wolkendecke eine entscheidende Rolle. Sie könnte die Orientierung der Vögel erschwert haben. Tatsächlich wurden Kraniche beobachtet, die mehrfach ihre Flugrichtung änderten und zwischenzeitlich sogar wieder nach Osten flogen.
Woher kommen die Kraniche und wohin fliegen sie?
Die meisten Kraniche, die im Herbst Österreich überqueren, stammen aus den ausgedehnten Moor- und Feuchtgebieten Nord- und Osteuropas. Ihre Brutgebiete liegen vor allem in Skandinavien, Finnland, den baltischen Staaten, Polen und Teilen Deutschlands.

Quelle: NABU-Kraniche
Im Herbst verlassen sie diese Regionen und ziehen in ihre Winterquartiere. Viele überwintern in Frankreich und Spanien, manche ziehen bis nach Nordafrika. Dabei legen sie oft mehrere Tausend Kilometer zurück.
Anders als beispielsweise Schwalben, die sich hauptsächlich von fliegenden Insekten ernähren, finden Kraniche auch im europäischen Winter ausreichend Nahrung. Deshalb müssen sie nicht zwangsläufig bis nach Afrika ziehen.
Was machen Kraniche auf dem Mieminger Plateau?
Kraniche sind ausgesprochene Gemeinschaftsvögel. Während der Zugzeit schließen sie sich zu großen Gruppen zusammen und fliegen häufig in den charakteristischen V-Formationen. Diese ermöglichen es den Vögeln, durch die Nutzung günstiger Luftströmungen Energie zu sparen.
Die lauten, trompetenden Rufe dienen der Verständigung und helfen den Vögeln, insbesondere bei schlechter Sicht oder in der Dunkelheit, den Kontakt untereinander aufrechtzuerhalten.
Auf ihrer langen Reise benötigen Kraniche regelmäßig Rastplätze, um sich auszuruhen und Nahrung aufzunehmen.

Zug der Kraniche über Fronhausen
Am Morgen des 18. Oktober konnten auf Wiesen in Mieming tatsächlich mehrere Kranichgruppen mit bis zu 100 Vögeln beobachtet werden, die dort die Nacht verbracht hatten. Anschließend setzten sie ihre Reise in Richtung Westen fort.
Kraniche sind Allesfresser. Sie ernähren sich unter anderem von Samen, Getreide, Wurzeln, Insekten, Würmern und kleinen Wirbeltieren. Landwirtschaftlich genutzte Wiesen und Felder können deshalb wertvolle Rast- und Nahrungsflächen darstellen.
Werden wir die Kraniche im Frühjahr wiedersehen?
Grundsätzlich ja! Im Februar und März machen sich die Kraniche wieder auf den Weg in ihre nördlichen Brutgebiete.
Dabei nutzen sie häufig ähnliche Zugrouten wie im Herbst. Allerdings verläuft der Frühjahrszug meist schneller und konzentrierter, weil die Vögel möglichst früh ihre Brutreviere erreichen möchten.
Ob dabei wieder größere Kranichgruppen über Obsteig und das Mieminger Plateau ziehen werden, lässt sich nicht vorhersagen. Der außergewöhnliche Massenzug vom Oktober 2026 dürfte jedenfalls nicht jedes Jahr in dieser Intensität zu erleben sein.
Verändert sich auch das Zugverhalten anderer Vogelarten?
Ja, und zwar teilweise erheblich.
Der Klimawandel beeinflusst zunehmend das Zugverhalten europäischer Vogelarten. Mildere Winter ermöglichen es manchen Vögeln, weiter nördlich zu überwintern oder überhaupt auf den traditionellen Zug in den Süden zu verzichten.
Beispiele dafür sind Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke und Rotkehlchen, von denen zunehmend einzelne Individuen auch in Mitteleuropa überwintern.
Auch beim Weißstorch sind Veränderungen zu beobachten. Während früher viele Störche bis nach Afrika zogen, verbringen heute manche den Winter bereits in Spanien oder sogar in Mitteleuropa.
Die Vogelwelt ist also keineswegs statisch. Ihre Verbreitung, ihre Zugrouten und ihre jahreszeitlichen Wanderungen verändern sich laufend.
Der spektakuläre Kranichzug über Obsteig erinnert uns daran, dass auch unsere vertraute Landschaft Teil eines gewaltigen ökologischen Netzwerkes ist, das sich über ganz Europa und weit darüber hinaus erstreckt.
Und vielleicht werden wir schon im kommenden Frühjahr 2027 wieder dieses unverwechselbare Trompeten hoch über uns hören.
Text: (Interview mit) Clemens Stecher
Bilder: Clemens Stecher

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