in Chronik 1994

Vorstoß auf Grosny – Präsident will Widerstand leisten

MOSKAU (TT, APA, dpa, Reuter). Russische Truppen sind rund drei Jahre nach der Unabhän­gigkeitserklärung von Tschetschenien am Sonn­tag in die abtrünnige Kau­kasusrepublik einfuar­schiert. Die von schweren Panzern, Kampfbub­schraubern und Flugzeu­gen unterstützten Streit­kräfte stießen von drei Sei­ten auf die Hauptstadt Grosny zu. Es gab bereits die ersten Kämpfe. Der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew kün­digte an: ,, Wir werden uns verteidigen.“

Der Moskauer Regierungs­sprecher ·walentin Sergejew teilte mit, die Truppen stießen aus Dagestan im Osten, Ingu­schetien im Westen und Nord­ossetien im N0rdwesten auf Grosny vor. Sie würden vor der 400.000 Einwohner zäh­lenden Hauptstadt haltmachen, damit es Verhandlungen mit der dortigen Regierung geben könne.
Indes zitierte ein privater Rundfunksender in Moskau Inguschetiens Präsidenten Ruslan Auschew mit den Wor­ten, seine Landsleute leisteten den durchfahrenden Russen Widerstand. Es habe Opfer ge­geben. Die lnguschen und Tschetschenen sind ethnisch verwandt. Nach Agenturbe­richten gab es fünf  Tote und mindestens zehn Verletzte.

Ein Agentur-Korrespondent zählte in der tschetschenischen Stadt Snamenskoje rund 200 durchrollende Fahrzeuge, dar­unter Panzer. Bewohner hätten berichtet, daß eine ähnlich gro­ße Kolonne anderthalb Stun­den zuvor die Stadt passiert hab?. Snamenskoje ist das Hauptquartier der Opposition in Tschetschenien. Ihr Proviso­rischer Rat unter Umar Awturchanow ist pro-russisch eingestellt und bekämpft Duda­jew, der l991 die Unabhän­gigkeit ausgerufen hatte.
In der Stadt Grosny waren zunächst kaum Anzeichen mi­litärischer Aktivitäten zu se­hen. Auf dem Freiheitsplatz vor Dudajews Amtssitz ver­sammelten sich 1. 500 bis 2000 Menschen. Redner hielten dort anti-russische Ansprachen. Dudajew warf der Regierung  in Moskau vor, die für Montag geplanten Friedensgespräche untergraben zu wollen.

Die russische Regierung hatte am Samstag die Grenze zu Tschetschenien geschlos­sen. Am Freitag hatte Präsi­dent Boris Jelzin angeordnet, die „illegalen Gruppen“ in der abtrünnigen Kaukasusrepublik ,,mit allen Mitteln“ zu entwaff’nen. Nach massiver Kritik aus dem demokratischen Lager am Einmarsch ist Außenminister Andrej Kosyrew aus der Parla­mentsfraktion der Partei „Ruß­lands Wahl“ ausgetreten. Kosyrew griff den Reformer Jegor Gaidar, den Chef von ,,Rußlands Wahl“, wegen des­sen Kritik an der Militäraktion an. Der Minister will als unab­hängiger Abgeordneter im Par­lament weiterarbeiten.

ZUM WIDERSTAND gegen die russische Armee entschlossen – tschetschenische Milizionäre in der Hauptstadt Grosny

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Quelle: Tiroler Tageszeitung

Orginaldokument: Russische Truppen in Tschetschenien