… mit Sabine Ortner anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches über Schule
+ Unsere Kinder sind – trotz aller Unkenrufe – lernfähig und lernwillig. Auch wenn uns seit der Antike immer wieder gesagt wurde, die Jugend sei faul, lernunwillig und unfähig, das Leben und die Zukunft zu meistern.
+ Viele Lehrkräfte sind – entgegen vieler Vorurteile – engagiert.
= Und trotzdem wächst die Unzufriedenheit mit Schule.
Sabine Ortner versucht in ihrem gerade erschienenen Buch zu erklären, warum das so ist.
Nach rund 40 Jahren im Schuldienst legt sie eine Analyse des Bildungssystems vor und plädiert für einen Perspektivenwechsel: weg vom Pflichtmenü, hin zu Bildung als verantwortungsvoll gestaltetes Angebot.

Sabine Ortner lebt mit ihrer Familie seit 30 Jahren in Obsteig und engagierte sich für öffentliche Belange im Ort (Dorfzeitung „Nuis Schmålz“, Gemeinderat, Chronik Obsteig). Als Lehrerin (v.a. im Tourismus-Kolleg in Innsbruck) unterrichtete sie Englisch, Französisch, Spanisch sowie Marketing und Recht. In ihrer Arbeit verband sie sprachliche Bildung mit wirtschaftlichem und rechtlichem Denken.
Chronik: Laienhaft gefragt: Was läuft schief in der Schule? Seit jeher hören wir, dass „die Jungen“ unfähig seien, die Welt am Laufen zu erhalten. Und trotzdem ist die Welt noch nicht untergegangen, im Gegenteil: Wir leben in einer Qualität, die es bisher – soweit wir es wissen – nicht gab.
Sabine: Schule arbeitet oft mit Pflicht und Druck, wo eigentlich Sinn und Orientierung gebraucht werden. Viele Kinder machen mit, weil sie müssen – und weniger, weil sie verstehen, wozu das Ganze gut ist. Das funktioniert eine Zeit lang, aber auf Dauer trägt es wenig.
Chronik: Du hast vierzig Jahre lang unterrichtet. Was hat dich – am Ende deiner Lehrtätigkeit – dazu gebracht, ein Buch über Schule zu schreiben?
Sabine: Nach vielen Jahren im Unterricht sammelt sich einiges an Beobachtungen und Fragen. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum Schule für manche Kinder gut funktioniert und für andere wenig Sinn ergibt. Vieles habe ich mir notiert, viel mit Kolleginnen, Kollegen und Studierenden darüber gesprochen. Irgendwann entstand der Wunsch, diese Erfahrungen einmal zusammenzuführen und aufzuschreiben. Viele ehemalige Schülerinnen und Schüler haben mich darin bestärkt.
Chronik: Viele sagen: Die Kinder sind heute unkonzentriert, verwöhnt oder faul.
Sabine: Das ist eine einfache Erklärung, die genau genommen nichts erklärt. Damit soll ein Versagen des Systems verschleiert werden. Kinder reagieren ziemlich logisch auf ein System ohne Wahlmöglichkeiten. Wenn man keinen Sinn erkennt und nichts mitgestalten kann, zieht man sich zurück. Das ist weniger eine Charakterfrage als eine nachvollziehbare Reaktion.
Chronik: Du hast mehrere Fächer unterrichtet – Sprachen, Marketing und Recht. Hat das deine Sicht auf Schule geprägt?
Sabine: Ja, sicher. Sprachen öffnen den Blick für andere Perspektiven. Marketing fragt immer: Für wen ist ein Angebot gedacht und welchen Nutzen hat es? Diese Frage ist in der Wirtschaft ganz wesentlich. Schule hat sich vielleicht zu wenig darum gekümmert: Was ist unser Angebot und wer kann einen Nutzen daraus ziehen?
Chronik: In deinem Buch sprichst du von „Bildung als Buffet“. Was bedeutet das?
Sabine: Buffet bedeutet: Ich wähle aus, ich bestimme, was ich möchte oder brauche. Lehrkräfte bereiten also ein gutes und vielfältiges Angebot vor. Sie erklären, wofür Inhalte nützlich sind. Schülerinnen und Schüler wählen aus, probieren aus, vertiefen etwas und übernehmen Verantwortung für ihr Lernen. Niemand wird allein gelassen, aber auch niemand muss alles gleich machen.
Chronik: Wird Schule dadurch nicht zu locker?
Sabine: Eher im Gegenteil. Wahl bedeutet in diesem Fall nicht X-Beliebigkeit oder Nichts-Tun. Sie verlangt von Lernenden ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit (Was will ich erreichen? Was brauche ich dazu?). Also: klare Regeln und Orientierung. Ein Buffet bedeutet: ein gutes und reichhaltiges Angebot, klare Rahmenbedingungen und Vertrauen in die Eigenverantwortung der Lernenden. Schule organisiert das Lernen und die Lerninhalte – das ist das „Schulbuffet“. Der Sinn dahinter – was davon von wem und in welchem Ausmaß in Anspruch genommen wird – muss gemeinsam ge- und erklärt werden. Viele Schülerinnen und Schüler stellen dazu eine einfache Frage: „Wozu brauchen wir das?“ Diese Frage verdient eine gute Antwort. Wenn klar wird, welchen Nutzen Wissen hat, entsteht Motivation – für Lernende ebenso wie für Lehrende.
Chronik: Welche Rolle spielen Prüfungen dabei?
Sabine: Viele Schülerinnen und Schüler lernen sehr kurzfristig für Schularbeiten und vergessen vieles danach wieder – weil es für sie bedeutungslos ist. Dieses „Bulimielernen“ erklärt meiner Meinung nach auch manche Ergebnisse internationaler Testungen und Studien.
Chronik: Was würde sich dadurch für Lehrer ändern?
Sabine: Lehrkräfte würden stärker als Gestalter von Lernangeboten arbeiten. Unterricht würde mehr auf Augenhöhe stattfinden. Pädagogische Kompetenz bekäme wieder mehr Gewicht.
Chronik: Viele sprechen vom schlechten Image des Lehrerberufs. Würde sich das mit deinem Ansatz ändern?
Sabine: Ja, davon bin ich überzeugt. Wenn Lehrkräfte wirklich gestalten dürfen und Unterricht stärker an den Fragen und Interessen der Schülerinnen und Schüler ausrichten, wird ihre Rolle automatisch stärker. Lehrer begleiten Lernprozesse, erklären Zusammenhänge und geben Orientierung. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe und genau darin liegt die Bedeutung des Berufs. Wenn diese Arbeit sichtbar wird, wächst auch die Zufriedenheit im Beruf – und das Ansehen steigt ganz ohne Imagekampagnen oder Slogans.
Chronik: Braucht es dafür große Reformprogramme?
Sabine: Weniger Programme, mehr einen Wechsel der Perspektive. Jede Schule sollte klarer kommunizieren können, was sie anbieten/leisten kann. Die erworbenen Leistungen sollen beschrieben – nicht beurteilt – werden.
Chronik: Du hast dein ganzes Berufsleben im Bildungsbereich verbracht. Bist du heute optimistisch?
Sabine: Ja. Viele Lehrkräfte arbeiten mit großem Engagement. Und Kinder haben nicht nur enorme Lernfähigkeit, sondern auch Lernbereitschaft. Wenn Schule den Sinn von Bildung wieder klarer sichtbar macht, wird die Frage nach dem Sinn einer Schule oder einer Schulbildung an Bedeutung verlieren.
Chronik: Was ist die zentrale Botschaft deines Buches?
Sabine: Unsere Kinder sind nicht das Problem. Schule verliert an Relevanz, wenn sie Sinn voraussetzt, statt ihn zu erklären. Bildung funktioniert besser als gutes Angebot – nicht als Pflichtmenü. „Wenn Kinder fragen: ‚Brauchen wir das?‘, ist das kein Widerstand – sondern eine berechtigte Frage.“
Chronik: Wenn du einen Wunsch für die Schule in zehn Jahren frei hättest – wie würde Schule dann aussehen?
Sabine: Ich wünsche mir eine Schule, in der Lernen wieder erkennbar Sinn hat. Eine Schule, in der Lehrkräfte Gestaltungsspielraum haben und Schülerinnen und Schüler verstehen, wofür sie sich anstrengen. Schule sollte ein Ort sein, an dem man Fähigkeiten entwickelt, Orientierung gewinnt und Verantwortung für das eigene Lernen übernimmt. Dann wird Bildung wieder etwas, das man wirklich haben will – und nicht nur etwas, das man erledigen muss.
Am Ende bleibt eine einfache Botschaft: Unsere Kinder sind lernfähig – Schule muss ihnen nur zeigen, wofür sich Lernen lohnt: Gute Bildung beginnt mit guten Fragen. In einer Zeit, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, wird die Fähigkeit immer wichtiger, Fragen zu stellen, Suchbegriffe zu finden und kluge Prompts zu formulieren. Fragen von Schülerinnen und Schülern sind kein Störfaktor – sie sind der Motor von Lernen. Unterricht gewinnt an Kraft, wenn solche Fragen ernst genommen und eingeordnet werden, statt sie mit Lehrplanargumenten zur Seite zu schieben. Eltern und Lehrkräfte können Kinder darin bestärken, Fragen zu stellen und Antworten einzufordern. Aus diesem Dialog entsteht Motivation. Genau darin liegt der praktische Nutzen des Buches: Es lädt dazu ein, Schule wieder vom Interesse und von den Fragen der Lernenden her zu denken.
Interview: HK
Fotos: S. Ortner
Sabine Ortner: Schule, ein Buffet – kein Pflichtmenü – Ein Perspektivenwechsel für unsere Schulen
Das Buch analysiert Schule als historisch gewachsenes System mit eigenen Routinen und Steuerungslogiken. Es zeigt, warum Lernen oft an Sinn verliert – und wie Schule wieder als relevantes Bildungsangebot gestaltet werden kann.
Zentrale Idee des Buches ist die Metapher vom Bildungsbuffet: Lehrkräfte gestalten ein klares und vielfältiges Lernangebot, Schülerinnen und Schüler wählen Wege und übernehmen Verantwortung für ihr Lernen.
Erscheinungsjahr: 2026


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