Was ist los mit unseren Lärchen?

Text und Bilder: Toni Riser

Spätestens im Mai/Juni des heurigen Jahres ist vielen Obsteigern das fehlende saftige Hellgrün der Lärchen aufgefallen. Etwas stimmt da nicht!

Im März und April 2020 hatten wir eine lange, trockene Wärmeperiode.
Die Lärchen begannen früh zu treiben.

Doch die Nadelbüschel aus den alten Nadelknöpfen wurden nur etwa 1,5 cm lang, statt wie normal ca 2,5 cm. Viele der Nadeln begannen sich auch bald an den Spitzen, später zur Gänze braun zu verfärben. Erst an den frischen Jahrestrieben entwickelten sich Nadeln in normaler Länge.

Insgesamt hat sich das Nadelbild der Lärchen bis zum September nicht wirklich erholt. Die Lärchen machen den ganzen Sommer über einen kränklichen Eindruck. Es sind leider nicht nur einzelne Lärchen betroffen, sondern die gesamten Bestände am Mieminger Plateau. Die Lärchen am Simmering und im Lehnberg ab einer Seehöhe von 1500 m machen einen besseren Eindruck.

Junge Lärchen bis zu einer Wuchshöhe von 10 Metern scheinen weniger betroffen. Viele dieser jungen Lärchen stehen in normalem Nadelkleid, vielleicht weil sie noch nicht so tief wurzeln und daher vom oberflächlichen Wasser profitieren.

 

 

 

 

 

 

 

Wir hoffen,
dass unsere Lärchen den Kampf gegen die Folgen des Klimawandels langfristig gewinnen.

 

 

Wir Obsteiger möchten unseren Wappenbaum nicht verlieren.

 

 

Fragen, Vermutungen, Theorien …

Das Schadbild
könnte auf eine Lärchennadelschütte (eine Pilzkrankheit) hinweisen. Die Lärchennadelschütte tritt laut Literatur eher bei viel Niederschlag im Frühjahr auf und ist nicht typisch bei Trockenheit.
Eher könnte die Braunfärbung der Nadeln durch die Miniermotte entstanden sein. Diese befällt eher geschwächte Bäume bzw. Nadeltriebe. Ein Schadbild wird hauptsächlich im Juni – Juli offensichtlich. Die Miniermotte ist wahrscheinlich nicht Ursache des schwachen Nadeltriebes sondern eine mögliche Folge.

Der Standort
Die Lärche ist eine Lichtbaumart. Die natürlichen Lärchenstandorte liegen an der Kampfzone des Waldes und meist in Steillagen, wo die Konkurrenz durch andere Baumarten, wie Fichte und Kiefer und Legföhre geringer ist.
Mit abnehmender Höhenlage nimmt auch der natürliche Anteil an Lärchen im Waldbestand ab. Unter einer Höhenlage von 1000 Meter ü. d. M. wird er zur Seltenheit. Ausnahmen bilden Standorte, wo die Lärche als wertvolle Baumart von den Waldbesitzern besonders kultiviert wurde.
Die Lärchenbestände in Obsteig haben sich durch die systematische Ausschaltung der Konkurrenz von Fichte und Kiefer durch Jahrhunderte halten können (Lärchenwiesen). So war es früher die Nutzung von Galtheu, also die Mahd mit der Sense, die jegliche Waldkonkurrenz verhindert hat. Heute sind Beweidung und Entfernung des Unterwuchses die Mittel der Zeit, um die Obsteiger Lärchenwiesen zu erhalten.
Am Beispiel der Bergmähder im Lehnberg kann jeder erkennen, wie in nur 50 Jahren die Lärche von Fichte und Föhre verdrängt wird.

 

Warum scheinen die Lärchen heuer krank zu sein?

Fehlt den Lärchen Wasser?

Die Regenmengen im Sommer 2020 waren ausreichend und gut verteilt, um die Vegetation in den oberen Schichten zu versorgen. Der hohe Graswuchs in den Lärchenwiesen und gute Erträge in der Landwirtschaft lassen dies erkennen.

Offensichtlich fehlte jenes Niederschlagswasser, das in den Boden versickert und den Bodenwasserspeicher auffüllt. Dieses Bodenwasser nehmen die Lärchen als Tiefwurzler über die Feinwurzeln auf und transportieren es in die Krone. Unterhalb dieser Hauptwurzelzone sickert das restliche Wasser dem Grundwasser zu.

Die Sommer 2018 und 2019 waren sehr regenarm und damit Hauptursache für das fehlende Bodenwasser 2020.

Woran erkennt man das fehlende Bodenwasser?
Die Lacke am Simmering ist fast ausgetrocknet. Der Igelsee ist fast vertrocknet. Die normalerweise nassen Wiesen in Obsteig konnten gut befahren werden. Das Hölltal, normalerweise sumpfig, konnte den ganzen Sommer mit dem Traktor problemlos befahren werden. Der Sturlbach, die Isar, die Brandenberger Ache usw. führen auffallend weniger Wasser. Nur die ergiebigen Quellen aus mehrjährigen Wasservorräten der Bergstöcke halten diese Wassermengen aufrecht.

Wird den Lärchen zu warm?

Hitzetage (30°) in Tirol:
von 1991 bis 2020 im 30-jährigen Durchschnitt: 20,8 Tage
von 1961 bis 1991 im 30-jährigen Durchschnitt: 8,6 Tage
Die Sommertemperatur lag im selben Zeitraum um 1,9 ° C im Schnitt darüber.
Insgesamt ist die Jahresdurchschnittstemperatur im Alpenbereich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts um nahezu 2 ° C angestiegen (ZAMG).

Angenommen, die Wohlfühltemperatur der Lärche läge dort, wo im Winter eine relativ sichere Schneedecke liegt. Der durchschnittliche Temperaturanstieg von knapp 2 ° Celsius wäre einer Anhebung der Schneefallgrenze um 300 m gleichzusetzen. Die Wohlfühltemperatur der Lärche würde dann deutlich oberhalb unserer Meereshöhe, auf etwa 1300 m, liegen.

Kann die Lärche selbst auf Hitze und Wassermangel reagieren?

Forschungen haben ergeben, dass Nadelbäume, wenn sie extremem Trockenstress ausgesetzt werden, mit kürzeren Nadeln reagieren. Die Reaktionen auf Trockenstress erfolgen meist im nächsten Jahr. Ältere Nadelbäume verlieren bei Trockenstress mehrere Nadeljahrgänge. Laubbäume setzen zurück“ – sie reagieren mit dem Absterben einzelner Baumteile. Kann die Lärche sowas auch?
Eine forstfachliche Beobachtung um 1980 im Bereich des Holzleiten Sattels war, dass ein vielfaches Absterben von Lärchenwipfeln zu sehen war. Dieses Wipfelsterben hatte keine langfristige Schädigung der Lärchenbestände zur Folge.

Fragen, die uns nur unsere Lärchen in den nächsten Jahren beantworten können.

  • Ist der geringere Austrieb der Lärchen im heurigen Frühjahr eine Reaktion auf den Trockenstress der Jahre 2018 und 2019?
  • Ist die Braunfärbung der Nadeltriebe eine Reaktion auf die warmen Monate März und April …
  • … oder doch auf einen Schädling zurück zu führen?
  • Kann sich die Lärche bei besser gefülltem Bodenwasserspeicher wieder erholen?
  • Kann die Lärche mehrere Jahre mit geringem Bodenwasserangebot überstehen?
  • Kann die Lärche – so wie die Laubbäume – ebenfalls „zurücksetzen“?

So schnell gibt eine Obsteiger Lärche nicht auf!

Unsere Lärchen reagieren offensichtlich mit verschiedenen Strategien auf den Trockenstress der letzten beiden Jahre und kämpfen um ihr Überleben.

  • Im Gipfelbereich haben die Lärchen eine kleine Samenmast entwickelt.
    Samenmast nennen Forstfachleute, wenn Lärchen viele Zapfen tragen. Üblicherweise kommt in gesunden Lärchenbeständen der Luxus einer Samenmast nur alle paar Jahre vor. Bekommen die Bäume Stress, bilden sie viele Samen, um so ihre Art zu erhalten. Eine häufige kleine Samenmast ist daher auch ein Anzeichen für den Lebensstress der Bäume.
  • An den zwei- und dreijährigen Trieben sind bereits jetzt im September Ansätze der Blüten und Zapfen für den nächsten Frühling sichtbar. Die Lärchen bereiten sich wieder auf ein Samentragen vor, zu ihrer Arterhaltung.
  • An alten Lärchen kann man heuer mehrere, erst heuer abgestorbene Äste sehen. Diese frisch abgestorbenen Äste erkennt man daran, dass diese noch das feine Reisig tragen. Wahrscheinlich stellt die Lärche bei Stress die Versorgung einiger Äste komplett ein, um die anderen Äste ausreichend versorgen zu können.
    Also kann die Lärche offenbar auch „zurücksetzen“.
  • Die Lärchen haben im heurigen Sommer besonders lange Jahrestriebe geschoben. Sie haben ihre ganze Kraft in neue Triebe, in die vegetative Vemehrung, gesetzt. Diese langen neuen Triebe könnten die nächstes Jahre richtig viele, lange Nadeln tragen. Damit könnte die Lärche ihre Vitalität zurückgewinnen.

Gedanken und Beobachtungen zu den Lärchen im Landschaftsschutzgebiet von Obsteig.
Zusammengestellt von Toni Riser im September 2020.
Toni ist Altbauer am Riserhof in Obsteig, kein Forstfachmann, lediglich aufmerksamer Beobachter der Lärche und Initiator des Larchsteiges.
Ein echter Larchgugger!
Wissenschaftliche Informationen stammen aus Fachliteratur, von der Zentral – Anstalt für Metrologie und Geodynamik (ZAMG) und forstfachlichen Publikationen im Internet.

Kommentar
  • Josef Wilhelm
    Antworten

    Ein interessanter Bericht über ein bedauerliches Faktum

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Quelle: Chronik Obsteig

Orginaldokument: Was ist los mit unseren Lärchen?