Das Hölltuifele

Das Hölltuifele

Erdacht und aufgeschrieben im Mai 2019  von Toni Riser

 

Im hintersten Lehnbergtal, wo sich die Schottermassen der Grünsteinscharte, des Stöttltörls und des Hölltörls treffen, liegt der große Stein markant in der Mitte. Vor urdenklich langer Zeit soll an dieser Stelle eine Knappenhütte gestanden sein. Rundherum waren saftige grüne Almböden zwischen dem Grünstein und dem Gamswanner. Den Gamswanner nannte man die heutige Griesspitze, bevor dieser Berg so richtig zu bröckeln begann. Die Gamswanne nennt man noch die grüne Westseite der Griesspitze

Die Bergknappen lebten dort den ganzen Sommer lang in diesem Bergkessel, die Knappenalm genannt und gruben dort unter  der Gamswanne  nach Blei, Galmei und Silber. Ein Dutzend Kühe grasten dort auf den saftigen Almböden und versorgten die Bergknappen mit Milch, Butter und Käse. Auch die Pferde der Säumer, die das gewonnene Erz bis zum Arzkasten tragen mussten, fanden dort reichlich Gras, Almkräuter und duftende Alpenblumen zum Fressen.

Viele Jahrzehnte ging das alles gut. Die Knappen waren fleißig in ihren Stollen, tranken nach Feierabend frische Milch in ihrer Knappenhütte und erzählten von Berggeistern, Saligen Fräulein, Wetterhexern und  Waldgeistern. Sie erfanden allerlei Märchen, Geschichten und Lieder von den Bergen, von Menschen und Tieren, Gämsen, Dohlen und Adlern, von Wind und Wetter. So wurde diesen Bergknappen auch nie langweilig. Am frühen Morgen strichen sich die Bergknappen frische Butter auf ihr Brot und nahmen den Käse mit in ihren Stollen zur Jause. So ging das viele Sommer lang.

 

Einer der Bergknappen verstand sich auf die Schnitzkunst. So schnitzte er mit seinem Taschenmesser am Abend kleine Gämsen, Vögel, Schafe und sonst alles mögliche. Alle nannten ihn nur noch den Schnitzer. Seine Schnitzereien waren bei den Bergleuten  sehr beliebt. Eines Abends schnitzte er aus Spaß aus einem Latschenast ein kleines Hölltuifele. Er steckte dieses hölzerne Hölltuifele in seine Jackentasche und bemerkte bald, dass ihm bei der Arbeit allerhand Gemeinheiten einfielen. So fiel ihm ein, den Gurt des Tragsattels beim letzten Pferd zu lösen. Tatsächlich fiel die Traglast voll geschürftem Erz in den Sturlbach und war verloren.

Doch damit nicht genug, jeden Tag schwindelte der Schnitzer einem anderen Bergknappen irgendwo in dessen Jacke oder dessen Rucksack dieses hölzerne Hölltuifele. Siehe da, den anderen Männern ging es genauso. Die Knappen begannen einander böse Streiche zu spielen.  Sie begannen zu nörgeln und zu fluchen. Bald war es vorbei mit den Geschichten und dem Singen am Abend. Die Bergknappen begannen Unfrieden zu stiften, zu streiten und schließlich auch wegen jeder Kleinigkeit zu raufen und aufeinander einzuschlagen.

Der Schnitzer merkte nun, welches Unheil sein Hölltuifele anrichtete und begann es zu suchen. Doch er fand es nicht mehr. Anscheinend hatte sich dieses selbständig gemacht und schlüpfte unbemerkt von einem Knappen zum anderen. So vergiftete dieses Hölltuifele die ganze Mannschaft. Die Säumer begannen ihre Pferde zu schinden, der Hirte schlug die Kühe und die Knappen lebten in Zank und Streit.

Der Winter hat sich mit dem ersten Schnee angemeldet. Der Schnitzer bereute schon lange, dieses Hölltuifele geschnitzt zu haben. Er berichtete seinen Arbeitskameraden von diesem Hölltuifele, das sie alle so schlimm verändert hatte. Er bat diese, allen Streit noch vor dem Winter zu beenden. Doch die Knappen hörten nicht mehr auf die mahnenden Worte des reuigen Schnitzers, sondern lachten diesen aus und verspotteten ihn wegen seiner Schnitzerei.

Denn das Hölltuifele hatte bereits gewonnen. Die rauen Bergknappen begannen zum Abschied über die Arbeit, das Silber und Blei und auch die Knappenalm zu fluchen. Sie zerschlugen Töpfe und Teller, verbrannten Tisch und Bänke, lachten über den Schnitzer und sein „Hölltuifele“ und beschlossen obendrein: „Das Hölltuifele solle diesen Winter ihre Hütte, das Tal und die Stollen bewachen“.  Grölend und fluchend verließen die Knappen das Tal.

Reumütig und traurig blieb der Schnitzer zurück. Noch einmal ging er zum Stollen zurück. Nie mehr wollte er ein Hölltuifele schnitzen. Alles, was er in diesem Sommer geschnitzt hatte, ließ er im Stollen zurück samt seinem Schnitzmesser. Dann verließ auch er die Knappenalm. Beim Ursprung  schaute er noch einmal traurig zurück. Er setzte sich an die Quelle um noch einmal zu trinken und seine Flasche  mit dem Wasser zu füllen, das er den ganzen Sommer so gerne getrunken hatte.

Da ertönte aus der Gamswand unter dem Gamswanner ein lautes Grollen. Erschrocken vernahm der Schnitzer eine geisterhafte Stimme:

Sall wöll – sall wöll – sall wöll

Tuifl verschwind id Höll

die Olbe leit morgn in Gröll

Sall wöll – sall wöll – sall wöll

 

Ein Beben, Tosen und Poltern erfüllte das Lehnbergtal. Ein großer Felsblock, der Große Stein,  donnerte mitten in die Knappenalm und begrub das Knappenhaus samt dem Hölltuifele. Sogleich begann von Grünstein und vom Gamswanner Geröll zu rieseln, füllte das ganze Tal bis zum Ursprung aus und rieselt dort bis heute immer noch. Dort, wo der reuige Schnitzer zum letzten mal das Wasser der Knappenalm trank und seine Wasserflasche füllte, entspringt in einer ergiebigen Quelle der Sturlbach und das Trinkwasser der Gemeinde Obsteig.

 

Kommentar
  • Josef Wilhelm
    Antworten

    Gibt es das Hölltuifele auch heute noch? Gruß Josef

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Quelle: Toni Riser