Die Pfarre von Obsteig

Die Pfarre von Obsteig

Religiöse und verwaltungsrechtliche Grundlagen

Von den Ureinwohnern Tirols und somit Obsteigs finden wir nur wenige religiöse Spuren. Die ersten religiösen Handlungen beziehen sich vermutlich auf Begräbniskulte in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit, wie man aus verschiedenen Bodenfunden in Tirol schließen kann.

Im letzten Jahrtausend vor Christi Geburt tritt der Stamm der Räter erstmals in das Licht der Geschichte.

Ihre Opferplätze waren vermutlich Quellheiligtümer, weil an Felsquellen da und dort Opfergaben aufgefunden wurden. Doch nur über einer Quelle, jener am Schneidjoch bei Steinberg im Rofan, befindet sich eine Felseninschrift. Sie hält fest, wer hier geopfert hat. Die Schrift wurde erst in jüngster Zeit zum Teil entziffert, das Alphabet ist dem etruskischen (Mittel- und Norditalien) ähnlich.

Der Stamm der Räter, der in den Jahrhunderten vor und um Christi Geburt in der Ostschweiz und Tirol wohnte, verehrte vor allem weibliche Gottheiten. Man vermutet, dass die höchste Göttin Reitia war und ihre Verehrung von Oberitalien hierher übernommen wurde.

Welchen Platz die Einheit der drei Göttinnen Ambet, Gwerbet und Wilbet, von der es Namensrückstände im Alpenraum gibt, eingenommen hat, ist unklar „Bettlerumkehr“, „Bettlerbichl“, „Bettlerküche“ u.a. erinnern an diese weiblichen Gottheiten.

Weiters ist noch nicht geklärt, ob der vor kurzem entdeckte Schalenstein am Grünberg eine religiöse Funktion hatte.

Dass der Stamm der Räter eine hochentwickelte Kultur hatte, ist nach neuen Forschungen unbestritten. Zur guten Kultur gehörte damals und auch heute noch eine religiöse Ausrichtung.

Man pflegte in erster Linie wie gesagt den Begräbnis- und Totenkult, unterhielt aber auch Opferplätze für ein gutes Gedeihen der Feldfrüchte, des Viehs und ein gutes Gelingen von Kriegszügen. Die Räter waren der erste Volksstamm, der als Bewohner Tirols geschichtlich greifbar ist. Über ihn wird von römischen Schriftstellern berichtet.

Diese Kultur zerstörten die Römer gründlich, als sie im Auftrag des Kaisers Augustus im Jahr 15 vor Christus in den Alpenraum eindrangen. In den Rätern hatten sie keine leicht zu bezwingenden Feinde. Die Männer waren furchterregende Kämpfer und viele Frauen brachten zuerst ihre Kinder und dann sich selbst um, damit sie nicht in die Hände der Römer fielen. Die Römer befriedeten dennoch langsam das Land und bauten ihre Straßen durch die Alpentäler nach Bayern.

Sie brachten auch völlig neuartige Gottheiten mit, die sie im Wesentlichen aus der griechischen und orientalischen Kultur übernommen und denen sie zum Teil neue Namen gegeben hatten. In den Straßenstationen, an Wegkreuzungen und auf Passhöhen errichteten sie Kultstätten zum Gebet und für Opfergaben.

Spärliche Zeugnisse davon gibt es auch in Tirol, wo die bekannte Straße „Via Claudia Augusta“ durchführte und die „Via Decia“ um 250 n. Chr. über das Mieminger Plateau erbaut wurde.

Ein Hoffnungsplatz für Archäologen wäre das Gebiet von Holzleiten. Dort steht ein (wahrscheinlich) römischer Meilenstein und in unmittelbarer Nähe erhebt sich der„Pfaffenbichl“, auf dem man vorrömische Funde machte.

Römische Soldaten und Händler waren es, die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten einen neuen Glauben in das Gebiet von Tirol brachten. Sie verkündeten die Botschaft des Hebräers Jesus, die von dem einen Gott und der Liebe zum Nächsten berichtete. Diese Botschaft erfasste alle Menschen unterschiedlichen Standes gleichermaßen. Somit kam das Christentum in unser Land. Erst zaghaft, dann immer stärker fasste dieser Glaube Fuß. Die ersten Gemeinden feierten ihre Gottesdienste wegen der Christenverfolgungen geheim in Privathäusern. Als Kaiser Konstantin im Jahr 313 das Christentum im römischen Reich zuließ, begann man auch in Tirol die ersten Kirchen zu bauen. Fundamente dieser ältesten Gotteshäuser wurden an mehreren Stellen ergraben. Das einzige, das — teils verändert – noch steht, ist die Laurentiuskirche am Bergl zu Imst.

Man kann annehmen, dass der christliche Glaube auch in der dünn besiedelten Gegend des Mieminger Plateaus seine ersten Anhänger fand. Ein vager Hinweis auf eine christliche Gemeinde ist die Georgskirche in Obermieming. Der ehemalige Landeschronist Hofrat Widmoser kam zur Vermutung, die Verehrung des Soldatenheiligen Georg hätte hier eine Kultstätte des römischen Kriegsgottes Mars zum Vorläufer, sodass nach der Christianisierung der Marskult direkt in die Georgsverehrung übergegangen sei.

Tatsache ist, dass bei Grabungen in dieser Kirche im Jahr 1995 Mauern eines frühmittelalterlichen Gotteshauses aufgefunden wurden.

Die Stürme der Völkerwanderung veränderten das Gesicht Europas grundlegend. Germanische Stämme waren im 5., 6. und 7. Jahrhundert vom Norden Europas aufgebrochen und drängten unaufhaltsam nach Süden. Sie verehrten wiederum neuen Gottheiten und löschten vielerorts den noch relativ jungen christlichen Glauben aus. Nachdem der ärgste Sturm verebbt und viele neuen Grenzen gezogen worden waren, begannen in großen Teilen Europas irisch-schottische Mönche aufs Neue zu missionieren und die ersten christlichen Klöster Mitteleuropas entstanden.

So war es in Tirol nicht. Die Einwanderung der germanischen Bayern im 6. und 7. Jahrhundert konnte hier die Kontinuität des Christentums nicht unterbrechen. Die frühchristlichen Kirchen blieben bestehen und wurden sogar da und dort erweitert. Unter den Priestern und Bischöfen finden wir bis ins 10. Jahrhundert noch rätoromanische Namen. Der Bischofssitz für Tirol war vor und während der bayerischen Einwanderung in der burgähnlichen Anlage auf dem Felsen von Säben im Eisacktal, aber anscheinend nicht ununterbrochen. Denn im Frühmittelalter kommen zumindest kurzzeitig auch Pfaffenhofen oder Martinsbühel in Frage (Josef Gelmi: Die Brixener Bischöfe). Der wahrscheinlich erste Bischof war der heilige Ingenuin.

Um das Jahr 990 verlegte der ebenfalls heilige Bischof Albuin den Sitz von Säben nach Brixen. (Schon im Jahr 901 war den Bischöfen von Säben vom Kaiser Ludwig „dem Kind“ dort ein Landgut geschenkt worden.)

Auch ein großer Teil Nordtirols und Vorarlbergs gehörte bis zum Jahr 1964 zu diesem Bistum, Obsteig vorerst noch nicht.

Für das Mieminger Plateau war durch viele Jahrhunderte der Bischof von Augsburg zuständig. Er hatte hier seine Besitzungen und in Untermieming entstand eine Pfarrei zu Ehren „Unserer Lieben Frau Maria Himmelfahrt“. Die dortige jetzige Kirche hat bereits zwei oder drei Vorgängerbauten, die in die Bauzeiten der Gotik, Romanik und zu einer wahrscheinlichen Holzkirche zurückreichen.

Welche Rolle die Georgskirche in Obermieming, die auch einen eigenen Friedhof hatte, weiter spielte, ist unklar. Der Friedhof, der auf die frühere Funktion einer Pfarr- oder Eigenkirche hinweist, wurde schon lange aufgelassen. Das Gebiet von Obsteig gehörte nun zur Pfarre in Untermieming.

Die Pfarrer wurden von Augsburg hier eingesetzt und unterhalten. Das änderte sich im Jahr 1311.

Im Jahr 1273 wurde das Kloster Stams, das dem Orden der Zisterzienser angehört, vom Landesfürsten Meinhard II. gegründet. Er schenkte dem neuen Stift viele Höfe, Gemeinden und Pfarreien und viele andere Tiroler Adelige taten es ihm nach. So erhielt das Kloster auch die Pfarre Buchloe in Bayern. Im Jahr 1311 tauschten der Bischof von Augsburg und der Abt von Stams die beiden Pfarren Mieming und Buchloe gegenseitig aus. Mieming (mit Barwies, Wildermieming, Mötz und Obsteig) gehörte nun zum neuen Stift Stams und damit zum Bistum Brixen. Viele Höfe in Obsteig, früher Besitzungen der Bischöfe von Augsburg, waren auch bis 1848 im Besitz des Stiftes Stams und mussten dorthin jährliche Abgaben zahlen.

Die Zugehörigkeit zur Pfarre Untermieming dauerte viele Jahrhunderte. Wer wollte und konnte, nahm den stundenlangen Weg auf sich und besuchte dort die Messe an den Sonn- und Feiertagen, nahm an den vielen Prozessionen und Bittgängen Teil und ging zur jährlichen Beichte.

Es gab auch Obsteiger, die der dortigen Pfarre Stiftungen verschrieben. Allen voran ist der „ehrsame Biedermann Eberhard zu Wald“ zu nennen. Er stiftete der Kirche im Jahr 1383 ein ewiges Frühmessbenefizium. Damit ist gemeint, er bezahlt einen „Gesellpriester“, der täglich eine Frühmesse halten soll und sorgt für dessen Unterhalt. Zur Garantie der Finanzierung unterstellt er die Einkünfte von vielen Höfen auf dem Mieminger Plateau, im Inntal, im Ötztal, Pitztal, in Imst und Dormitz. Er muss ein wahrer „Dorfadeliger“ gewesen sein, über den man leider nichts Weiters weiß.

Der zweite Obsteiger, der für die Pfarrkirche eine Stiftung unterhielt, war im Jahr 1632 der damalige Löwenwirt Thomas Gässler („Gastgeb zu Stift“). Er schenkte der Pfarre die Summe von „benenntlichen ainhundert Gulden“ für eine Jahresmesse in „ewig Weltzeit“. Gewidmet war sie für seine Vorfahren, seine Freunde und für seine zwei verstorbenen und die noch lebende Ehefrau.

Einhundert Gulden schenkte der „achtbar Antoni Thaller, geweßter paurßmann zu Wald“ der Kirche zu Barwies, damit dort der Pfarrer von Untermieming eine jährliche Messe für ihn, seine Freunde und verstorbenen Verwandten feiert.

Es gab also Obsteiger, die durchaus der weit entfernten Pfarre verbunden waren.

Viele wird es aber gegeben haben, die die Zugehörigkeit zu Mieming nicht besonders wahrgenommen haben. Außerdem war nach dem 15. Jahrhundert allgemein ein Verfall der Religiosität und der Sitten festzustellen (der Klerus nicht ausgenommen).

Man merkt das auch an den Kirchen. Zwischen der Gotik (um 1500) und dem Hochbarock (um 1700) gibt es wenige Neubauten in Tirol. Im zweihundert Jahre dauernden Baustil der Renaissance sind in unserem Raum kaum Sakralbauten festzustellen. In Obsteig ist es die Kapelle von Gschwent, die diesen Stil zumindest beim Altar aufweist.

Bischof Kaspar Ignaz von Künigl von Brixen begann schließlich im Jahr 1719 mit einer allgemeinen Volksmission in seiner Diözese, die von Jesuiten durchgeführt wurde und einen durchschlagenden Erfolg hatte. Die Leute strömten scharenweise zu ihren Vorträgen, die Patres saßen tagelang in den Beichtstühlen. Sogar aus dem bayerischen Raum reisten Gläubige an und die Gasthöfe verzeichneten große Umsätze.

Die Volksmission im Bistum Brixen dauerte durch mehrere Jahrzehnte und veränderte die religiöse und sittliche Einstellung der Menschen nachhaltig. Die Patres predigten manches von der Liebe Gottes und der Zuversicht im Glauben, doch auch manches von Verderben und ewiger Verdammnis, so dass den Leuten vor der Hölle himmelangst wurde.

Es wurde den Menschen von Obsteig nun viel wichtiger, den sonntäglichen Gottesdienst besuchen zu können. Wem das nicht möglich war, der wollte wenigstens zu Hause einen ansprechenden sakralen Raum für Rosenkränze und andere Andachten haben. Bestehende Kapellen in den Weilern wurden teils aus- oder umgebaut, teils neu errichtet. Die meisten haben heute ein barockes Gesicht. Die Kapelle in Finsterfiecht trägt die Jahreszahl 1742, jene in der Oberstraß 1756. Im selben Jahr wurde auch die Kapelle von Thal — vorher ein offenes Gebäude — ausgebaut und mit einer Tür versehen. Das Altarbild von Weisland stammt auch aus dem Barock. Von der Kapelle in Gschwent weiß man nachweislich, dass sie wesentlich älter ist (sie hat bei der Einrichtung ihren Renaissance-Charakter auch bis heute erhalten, s.o.), von Wald und Aschland vermutet man es.

Einen Nachteil hatten allerdings diese Kapellen: Sie hatten nach dem damaligen Kirchenrecht keine Messlizenz, d.h. es konnten dort keine Gottesdienste gefeiert werden. Das störte manchen Pfarrer allerdings wenig, denn es bemühte sich auch fast keiner von Untermieming nach Obsteig, um einen Todkranken zu besuchen und ihm die Sterbesakramente zu geben (wie dem Schriftverkehr über den Kirchenbau zu entnehmen ist).

Die Sehnsucht der Obsteiger Bevölkerung nach einer eigenen Seelsorge wurde daher nach der Jesuitenmission immer größer. Was vielleicht zuerst nach einem verwegenen und kaum durchführbaren Plan aussah, bekam nach geraumer Zeit und vielen Diskussionen schließlich ein konkretes Gesicht. Die Menschen wollten eine eigene Kirche und einen Seelsorger.

Der Kirchenbau und die Einrichtung der Seelsorge

Man muss sich die finanzielle Ausgangslage konkret vor Augen halten. Ein Kirchenbau kostete Tausende von Gulden. Doch die Bevölkerung war mit vielleicht ganz wenigen Ausnahmen nicht vermögend, sondern hatte gerade das Nötigste, um sich mit großem Arbeitsaufwand erhalten zu können. Die Güter waren klein und der Kindersegen meistens groß. Daher sparten sich die Menschen jeden Kreuzer, den sie für die Kirche geben wollten, buchstäblich vom Mund ab. Vielleicht hatten einige einen vermögenden Verwandten, der das Kirchenkonto aufbessern konnte. So wird auch von einem in Innsbruck lebenden Stifter (heute würden wir sagen: Sponsor) berichtet.

Nach und nach kam eine mühsam erwirtschaftete Summe Geldes zusammen, die Hoffnung gab. Man kann daher nicht sagen, im Jahr 1764 beschlossen die Obsteiger eine Kirche zu bauen, sondern es war ein langer Entwicklungsprozess vorangegangen. Dazu muss man sagen, dass die Vorstellung eines neuen Gotteshauses anfangs nur eine sehr bescheidene war, es sollte klein und zum Teil aus Holz erbaut sein.

Die Erlaubnis zum Neubau einer Kirche hing von der Genehmigung des Bischofs ab. Es war üblich, dass es diesem nur recht war, wenn er damit nicht finanziell belästigt würde.

Also musste die Bevölkerung an den Bischof und das Konsistorium in Brixen ein Ansuchen richten, in dem auch die finanzielle Grundlage dargelegt wurde. Dazu brauchte man ein so genanntes Komitee, einen Kirchenbau-Ausschuss, der für alle Obsteiger sprechen und unterzeichnen konnte. Wie aus dem Schriftverkehr von damals zu entnehmen ist, waren es der Lehrer Thaddäus Riß in Wald, der Krämer Isidor Gässler von Schneggenhausen, der Löwenwirt Jacob Mader und Anton Hirn von der Burg Klamm. Auch Hans Hirn von Wald scheint manchmal auf.

Jacob Mader stellte den so genannten „Labbichl“ als Baugrund zur Verfügung, der interessanterweise gar nicht ihm gehörte, sondern im Besitz des Stiftes Stams war, wofür er auch Abgaben zahlte. Das sollte noch Folgen haben.

Wichtig ist anzumerken, dass es damals in der Unterstraß schon eine Kapelle „Zur Heiligen Familie“ gab, die aus Holz erbaut war. Sie stand auf dem Grundstück von Schneggenhausen und war schon sehr verfallen, vor allem beim Dach und dem Boden. Außerdem trug der Übermut junger Burschen noch weiter zum Verfall bei, wie der Dekan von Flaurling, Tangl, in einem Schreiben bemerkte. Die Kapelle war abbruchreif und wurde auch 1773 abgerissen.

Was die Obsteiger nun wirklich wollten, ist in zwei Sätzen leicht zusammenzufassen: Sie wollten für den Gottesdienst einen Raum, in dem alle Platz fanden, und einen Priester, der für sie da sein konnte. Und sie wollten nicht jeden Sonn- und Feiertag in eine stundenweit entfernte Kirche zur Messe gehen müssen. Und mit diesen Vorstellungen wandten sie sich an den Bischof in Brixen, sie wurden deutlich angeführt.

Am 21. Oktober 1764 schrieb der Ausschuss das erste (sehr höfliche und untertänigste) Ansuchen an den damaligen Bischof Leopold von Spaur. Obsteig führte manche Argumente ins Treffen, wie die Ablösung des Grundzinses für den Labbichl, dass es nur eine kleine Kirche „von 62 Marchschuhen in der Länge und 28 derlei in der Breite werde, die alte Kapelle abgerissen werde… umso mehr, als sonst viele Kranke, Krumme und alte Leut, auch Dienstboten besonders zu Winterszeit bei hochgefallenem Schnee und gefährlichem Eis einer Heiligen Meß an Sonn- und Feiertagen beraubt würden… auch die allda während des Kirchenbesuchs ankommenden Fremdlinge (Diebstahl, Einbruch)…“.

Und weiter: „Weil meist Predigt in der Pfarr unter dem Amt (die Obsteiger besuchten fast immer die Frühmesse ohne Predigt), ein Christenlehr aber nur dann und wann gehalten wird, so bleibt die Obsteiger Jugend der christlichen Lehr fast gänzlich beraubt, …kommen viele des Jahres nicht öfter zu einer Predigt, als ein, zwei Mal. Wie könnte es sein, dass solcher Gestalt eine große Unwissenheit und Lauigkeit einreißen sollte.

Überhaupt ist, wie der Kirchgang drei bis vier Stunden dauert, sonderlich im Winter und Ungewitter für ältere Leut und schwangere Weiber ja einmal ein beschwerlicher Gang…“

Man erwartete ein freudiges Ja. Doch dem war nicht so. Die Pfarrer von Untermieming, wo Obsteig inkorporiert war, wurden ja vom Stift Stams unterhalten. Deswegen besprach sich der Bischof mit dem Abt von Stams, Vigilius Kranicher von Kranichsfeld, doch dieser stemmte sich vehement dagegen. Je größer die Pfarre, desto höher ihr Einkommen, und so fürchtete er für das finanzielle Wohlergehen des Pfarrers in Untermieming. Waren doch schon Wildermieming und Barwies abgetrennt worden. Es blieben nur mehr Untermieming, Obsteig und Mötz. Der Abt schlug ernstlich vor, die Obsteiger sollten doch das gesammelte Geld von 6000 Gulden der Pfarre in Untermieming zukommen lassen.

Die Absage des Bischofs war daraufhin zu erwarten. Am 16. September 1766 schrieb nun der Lehrer Thaddäus Riß von Obsteig eine nochmalige Bittschrift mit noch eindringlicheren Argumenten, die nicht dramatischer verfasst werden konnten.

„ Mithin müssen viele Beichten und Kommunionen unterlegen bleiben, oder man muss gar auf Stams oder Telfs gehen…dass es Personen gibt, die ein Jahr gar selten die Sakramente empfangen…einige schlecht bei Fuß seiende Leit in Obsteig zu finden sind, die zur Beicht durch Ochsen müssen herabgeführt werden.“

Außerdem komme die Kirche an die allgemeine Landstraße zu stehen, was vor allem den Fuhrleuten und „Fürsetzern“ zu Gute käme, da diese vor der Messe in Telfs aufbrechen müssen und erst nach der Messe in Nassereith ankämen.

Noch vieles andere führte Riß ins Treffen.

Die Antwort aus Brixen war wieder negativ. Der Schriftverkehr ging (teils gehässig) hin und her, bis im Jahr 1771 ein allerhöchster Gubernialbefehl aus Innsbruck erteilt wurde, in dem befohlen wurde, Obsteig eine Kirche von der erforderlichen Größe und bis aufs Dach gemauert, erbauen zu lassen.

Wenn auch der Abt von Stams weiter dagegen auftrat, schritten nun die Menschen von Obsteig — zwar verbittert – zur Ausführung ihres Plans. Sie erbauten ihre Kirche mit 23 mal 10 Metern und mauerten sie bis zum Dach, wie der Gubernialbefehl verlangte. Baumeister war wahrscheinlich Josef Perwög aus Silz (s.o.). Zur Innengestaltung suchten sie die besten greifbaren Künstler des Oberlandes. Der damals 57jährige Brixener Hofmaler Franz Anton Zeiller aus Reutte malte das Bild am Hochaltar. Zeiller war zu dieser Zeit bereits

international bekannt und gefragt. Er schuf unter anderem auch die Deckenfresken und Altarbilder der Stiftskirche Stams. Er gilt heute noch als der beste Rokokomaler Tirols und die Anzahl seiner Fresken und Altarbilder aufzuzählen ist hier nicht möglich. Das Bild von der Himmelfahrt Marias in der Weislander Kapelle ist auch von ihm.Es war ein seltener Glücksfall, dass er für Obsteig gewonnen werden konnte.

Der Nassereither Bildhauer Martin Falbesoner stattete die Kirche mit zahlreichen Figuren aus. Er war 45 Jahre alt. Über seine Lehrjahre ist nichts bekannt, doch erkennt man in seinen schlanken Figuren mit eng anliegenden Kleidern Ähnlichkeit mit den Werken von Anton Renn aus Imst. Er arbeitete vor allem in Nordtirol und im südbayerischen Raum. Der Altar-und Kanzeltischler ist nicht bekannt.

Der gesamte Kirchenbau kostete die Obsteiger über 6000 Gulden.

Im Jahr 1773 war die Kirche (ohne Turm) großteils fertig. In diesem Jahr besuchte der Bischof das Stift Stams. Dorthin schickte die Bevölkerung von Obsteig eine Abordnung und bat, dass er ihre neue Kirche einweihen möge.

Weil jedoch der Abt heftig dagegen war, den „störrischen Obsteiger Bauern“ ihren Neubau zu weihen, unterließ es der Oberhirte. Im Gegenteil, Kranicher verlangte den sofortigen Abriss des Gotteshauses, weil es auf Stiftsgrund stehe. Er spricht in seinen Briefen von einem „eigenmächtig fürgenommenen Werk, das mit List und Trug“ durchgesetzt werden wolle und von einem „höhnischen Gespött über Stams“.

Das Gubernialamt in Innsbruck verlangte jedoch, dass sich Stams auf eine Entschädigung für das Grundstück auf dem Labbichl einigen solle.

Die Streitigkeiten zogen sich noch weitere zwölf Jahre hin, wobei man bemerken muss, dass sowohl der Bischof als auch der Dekan Tangl zu Flaurling den Abt immer wieder zum Umdenken bewegen wollten.

Die Eintragung in der Abt-Galerie von Stams „ Um diese Zeit wurden die

Lokalkaplaneien …und Obsteig größtenteils auf Kosten des Stiftes errichtet…“ stimmt also auf keinen Fall.

Schließlich gab es „im Februar 1785 ein Einschreiten des Kaisers Josef II.“ (Zitat von Abt Augustin Handle, 1820) das bestimmte, dass die neue Kirche auf keinen Fall abgerissen werden dürfe und außerdem das Stift Stams verpflichtet werde, für die Seelsorge einen Priester zu entsenden.

Es gibt dazu in Obsteig eine fromme Überlieferung: Seit zwölf Jahren war die neue Kirche schon fertig. Da erschien dem Bischof eines Nachts der heilige Josef im Traum und sprach zu ihm: „Eile sofort nach Obsteig und weihe meine neue Kirche ein, denn sie ist schon lange fertig und wartet nur auf deinen Segen“. Als der Bischof aufwachte, richtete er alles für eine Reise nach Obsteig her, um dort das neuen Gotteshaus zu weihen.

Das geschah am 11. April 1786, nachdem Abt Vigil Kranicher gestorben war.

Schon am 9. Jänner 1786 hatten die Leute von Obsteig an das Kreisamt in Imst ein Schreiben gerichtet, in dem sie Ihrer Sorge Ausdruck verliehen, dass bisher kein Lokalkaplan nach Obsteig gekommen sei. Sie hatten ihn wegen des Dekrets von Kaiser Josef II. vom Februar 1785 schon im März jenes Jahres erwartet. Um dem Schreiben Gewicht zu verleihen, führten sie die wichtigsten Kosten des Kirchenbaus an:

„Meisterlohn für Maurer, Zimmerer, Schlosser, Tischler und Glaser 1107 fl (Gulden)

Verschiedene Spesen                                                                            100 fl

Hochaltar, Tischler, Bildhauer, Fasser und Altarblatt                   457 fl

Seitenaltären                                                                                           115 fl

Kanzel                                                                                                      107 fl

Zwei Glocken                                                                                          360 fl

Schindeln für das Dach                                                                        300 fl

Heiratsgeld bei der Weihe (Geschenk zum Start für die Kirche) 300 fl

Tagschichten, Fuhren                                                                            1005 fl

Prozesskosten 1774 (gegen Stift Stams),                                           426 fl“,

um die wichtigsten zu nennen. Auffällig ist, dass die gesamten Prozesskosten, die über mehrere Jahre 700 fl betrugen, um 250 Gulden höher lagen, als der ganze Hochaltar samt seinen Figuren und dem Bild gekostet hatte.

Obsteig wurde eine eigene Lokalkaplanei mit dem ersten Kaplan P. Leopold Plattner. Der Kaplanei wurde ein Sprengel mit den heute noch gültigen Pfarrgrenzen zugewiesen. Diese Grenzen decken sich im Wesentlichen mit dem Gebiet der im Jahr 1833 errichteten politischen Gemeinde Obsteig. Eine Ausnahme bildet nur der Gasthof „Fernblick“, der auf Mieminger Gemeindegebiet steht, jedoch zur Pfarre Obsteig gehört. Die Tatsache, dass die Burg Klamm zur neuen Seelsorge (und späteren Gemeinde) Obsteig gehört, war sicher ein Wunsch des damaligen Besitzers Anton Hirn, der sich vehement für den Kirchenbau eingesetzt hat.

Der Kaplan war zwar ein eigener Seelsorger, aber stand kirchenrechtlich immer noch unter dem damaligen Pfarrer Josef Holzer von Untermieming.

Zur Einweihung waren zahlreiche vornehme Gäste erschienen. Die Denkschrift nennt unter anderen den Bischof Josef Graf zu Spaur, den Dekan Tangl, den späteren Abt Stöckl, den Gubernialrat von Leichartingen und viele andere. Leichartingen vollführte den „gewöhnlichen dreifachen Hammerstreich“.

Denkwürdig ist, dass ausgerechnet der Pfarrer von Untermieming, dem die neue Seelsorge ja nun abgetrennt wurde, das Amt und die Predigt hielt. Das besagt, dass er über die neue Kirche eher erfreut als beleidigt war.

Im Zuge dieser Festlichkeit wurde auch der Grundstein für das Widum- und Schulgebäude gelegt, das ebenfalls vom Baumeister Josef Perwög von Silz geplant worden war. Der gleiche Plan liegt außerdem den Widumgebäuden der Ötztaler Pfarreien Huben und Sautens zu Grunde.

Mit der Einweihung der Kirche wurde auch begonnen, den Friedhof zu bauen. Den Grund dafür musste die Seelsorgsgemeinde um 500 Gulden kaufen, die Einfriedungsmauer kostete weitere 100 Gulden. Die teure Erde mussten die Bauern aus ihren Äckern anliefern. Der Friedhof war lange Zeit viel kleiner als heute. Die ersten Gräber wurden an der Kirchenmauer angelegt und die späteren auf das Areal verteilt. Zu Allerheiligen 1959 weihte man die erste Erweiterung ein, 2005 den jetzigen Zubau, der auch eine Abteilung für Urnengräber beinhaltet (s.u.)

Der Bau des Widums, das nach den vorliegenden Plänen Perwögs der Maurermeister Kaspar Kraxner aus Wildermieming mit seinen Männern errichtete, dauerte höchstens drei Jahre. In der Kirchenrechnung gibt es unter dem Jahr 1789 einen Posten „ Für Widum ausbessern bezahlt 42 Kreuzer“, und 1790 steht „ Herstellung des neuen Ofens im Widum 8 Gulden, 47 Kreuzer.“

Der Lokalkaplan Leopold Plattner wurde in der Zwischenzeit anständig untergebracht. Die Seelsorgsgemeinde war durch den Kirchen- und Friedhofsbau finanziell so „entkräftiget“, dass sie sich außer Stande sah, die Kosten des Widums mit dem Schulraum allein zu finanzieren, schreibt sie an das Kreisamt Imst. Die Kaplanei zählte damals 525 Seelen.

Unter dem neuen Abt Sebastian Stöckl (der 1796 dem Tiroler Landtag vorschlug, das durch den französischen Kaiser Napoleon gefährdete Land dem Herzen Jesu zu weihen) geschah auch im Kloster ein Umdenken in Bezug auf die neue Seelsorge Obsteig. Stams besoldete den Kaplan mit 300 Gulden Jährlich und trug zum Bau des Widums bei. Wann dieses eingeweiht wurde, ist nicht ersichtlich.

Die Obsteiger waren aber verpflichtet, dem Priester jährlich 30 Klafter trockenen und gehackten Brennholzes zu liefern, das für das Herdfeuer und zum Heizen des Kachelofens benötigt wurde. Das war auch bei Schulen bis zur Einführung der Zentralheizungen üblich. Darüber wurden genaue Listen geführt.

Man muss bedenken, dass die neue Seelsorge keine Kirchenpfründe hatte. Alte Pfarreien verfügen häufig über einen Grundbesitz, der Häuser, Felder und Wälder beinhaltet. Das ist auf Stiftungen im Laufe von Jahrhunderten zurückzuführen. Viele fromme Menschen — meist ohne Anhang – vermachten einen Besitz der Kirche. Manche Seelsorgen können so leichter wirtschaften. Das war bei der Kaplanei Obsteig nicht so, sie war noch zu jung.

Einige Obsteiger nahmen es mit der Holzlieferung nicht so genau und daher fehlte den Kaplänen oft das nötige Brenn- und Heizmaterial. Das verdross den dritten Kaplan P. Stanislaus Freysing (1792-1798) derart, dass er im Jänner 1795 (er konnte nicht mehr heizen) bei Nacht die Seelsorge verließ und ins Stift Stams zurückkehrte. Erst durch den Befehl des Kreisamtes Imst wurde er beauftragt, nach Obsteig zurückzukehren. Doch die Holzlieferung klappte danach nicht viel besser.

Die Verpflichtung der Obsteiger Haushalte zu einer jährlichen Holzlieferung an das Widum wurde unter dem Pfarrer P. Stefan Köll im Jahr 1982 gegen eine einmalige Zahlung von 5000 S. je eingetragenem Haushalt grundbücherlich gelöscht. Danach lebte P. Stefan in der unteren Schulhauswohnung. Im Jahr 1989 übernahm die Gemeinde Obsteig im Zug der großen Widumrenovierung (1989-91) die Heizkosten. Es wurde eine Elektroheizung eingebaut. Mit dieser Kostenübernahme bestreiten nun alle Einwohner über die Gemeindesteuer die Stromrechnung.

Eine Streitfrage war auch durch die ersten 15 Jahre das Patronatsrecht über die Kirche. Die Obsteiger hatten ihr Gotteshaus und den Friedhof ohne Hilfe des Stiftes errichtet und wehrten sich gegen jede Einmischung des Abtes, was die Erhaltung und Ausgestaltung der Kirche betraf. Stams war lediglich vom Kaiser persönlich zur Entsendung und zum Unterhalt eines Stiftspriesters beauftragt worden. Der vorangegangene Streit war ja um 1780 derart eskaliert, dass damals sogar der Kapuzinerorden anbot, zwei seiner Patres aus Imst für die Seelsorge zu entsenden. All das hatten die Menschen von Obsteig noch lange nicht vergessen.

Ein Patronatsrecht beinhaltet zwar eine große Verantwortung, aber auch viele freie Entscheidungen über das Geld der Kirchengemeinde.

Isidor Gässler von Schneggenhausen war der erste bekannte Kirchpropst, der genaue Buchhaltung über die Ein- und Ausgaben des kleinen Kirchenvermögens führte. Er übergab dieses Amt im Jahr 1792 dem Lehrer Thaddäus Riß, und von dieser Übergabe ist das Protokoll erhalten (von dort ab liegen alle Kirchenrechnungen bis auf den heutigen Tag vor).

Den Streit um dieses Patronatsrecht entschied wiederum die staatliche Behörde. Mit „hoher Entschließung“ teilte sie dem Prälaten in Stams am 10. Juni 1801 mit, dass das Recht dem Kirchenrat zu Obsteig zuerkannt wurde, Stams jedoch jährlich 30 Gulden zur Unterhaltung des Ewigen Lichts und der Wachskerzen beizutragen und den Priester mit 300 Gulden im Jahr zu bezahlen habe. (Diese Bezahlung stammt aus dem jährlichen Rechnungsüberschuss des Klosters, der sonst an den staatlichen Religionsfonds abzuliefern war.)

Ein ungefährer Wertvergleich: Eine teure Kuh konnte damals auf dem Markt um 20 bis 24 Gulden verkauft werden.

Es fällt auf, dass in der ganzen Geschichte des Kirchenbaus, der Bestellung und Besoldung des Stiftspriesters und jetzt in der Entscheidung über das Patronatsrecht die kaiserliche Behörde, ja einmal der Kaiser persönlich, gegen das Stift Stams und für die Seelsorgsgemeinde entschieden hat. Dem liegen vor allem zwei Dinge zu Grunde. Kaiser Josef II. (1780-1790) war ein Anhänger der Aufklärung und beurteilte die katholischen Orden nur nach ihrem Einsatz für die Bevölkerung. Manche Orden und Klöster hob er überhaupt auf, auch in Alt-Tirol wurden damals manche Stifte und Priorate geschlossen. Wenn sie weiter bestehen wollten, sollten sie der Allgemeinheit zu Nutzen sein. Von Mystik und Kontemplation allein hielt er nichts.

Und: Wenn die Obsteiger schon gegen den Willen des Stiftes ihre eigene Kirche und ihr eigenes Patronatsrecht haben wollten, sollten sie auch finanziell selbst dafür aufkommen. Damit unterband das Gubernialamt (Landesregierung) von vornherein jede Bittschrift um finanzielle Unterstützung an die öffentliche Behörde.

Im Jahr 1805, in den napoleonischen Kriegen, kam Tirol unter die Herrschaft des bayerischen Königs und wurde von dessen Soldaten besetzt. Unter anderem wurde das Stift Stams 1807 aufgehoben (bis 1816). Das bedeutete für den Kaplan Peter Aschbacher, dass ihm die jährliche Besoldung von 300 Gulden von Stams nicht mehr ausbezahlt werden konnte. Das bewog ihn — sicher nicht leicht — am 15. Oktober 1805 an die königlich bayerische Kommission in Innsbruck eine „untertänigste“ Bittschrift um Weiterzahlung seines Unterhaltes zu richten, da er ohne diese nicht leben konnte. Unter anderem führte er an: „Überdies liegt das Widum an der offenen Landstraße, wo durch Almosen, astfreiheit und Einquartierungen ein ziemlicher Teil des Gehaltes schon aufgezehret werden müsse. Von allen Dingen überzeugt unterstütze das Stift den Lokalkaplan mit einigen Viktualien, nämlich mit sechs Krügen Wein, fünf Star Roggen, zwei Star Weizen und 12 Pfund Butter, so auf ungefähr 150 Gulden dürfe angeschlagen werden…“. Ob der Kaplan mit diesem Ansuchen Erfolg hatte, ist nicht bekannt.

Der gleiche Kaplan verfasste im Verkündbuch eine zweiseitige Denkschrift über das Jahr 1809, das Jahr des Tiroler Freiheitskampfes gegen die Bayern und Franzosen. Interessant ist, dass er als ersten Anführer des Aufstandes nicht Andreas Hofer, sondern Martin Teimer aus dem Vinschgau anführt. Er schreibt: „das abgewichene Jahr war ein Jahr des Schreckens, des Kummers und vieler Sorgen“ und beschreibt den ungefähren Verlauf der Freiheitskämpfe. Er beklagt die Feuerschäden durch die Franzosen im Unterinntal und in der Umgebung von Innsbruck. Am Schluss bemerkt er:

„Vom Hochgewitter hatten wir nichts zu leiden, es ist im übrigen Gottlob ein gutes, gesegnetes Jahr gewesen“. Also hatte demnach Obsteig auch keine Gefallenen zu verzeichnen (sonst hätte er es sicher angeführt, im Totenbuch ist auch nichts vermerkt), obwohl die Männer des Mieminger Plateaus unter ihrem Anführer Johann Peter Hirn (von der Burg Klamm) an mehreren Stellen zum Kampfeinsatz kamen. Mieming hatte Tote und Verletzte zu beklagen.

Das religiöse Leben der damaligen gläubigen Bevölkerung war sehr intensiv und vieles ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Es gab eine große Menge von Bitt- und Kreuzgängen innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Vom Frühjahr bis zum Herbst ging man öfters betend mit dem Kreuz nach Stams, nach Untermieming, Dormitz und Barwies. Die Wallfahrt Locherboden gab es damals noch nicht.

Ein Beispiel unter vielen : Am Sonntag, dem 28. April 1799 verkündete der Kaplan die Gottesdienstordnung für die kommende Woche:

„Montag gehen wir wie gewöhnlich dem Pfarrer entgegen.

Erchtag (Dienstag) gehen wir nach der Messe nach Untermieming.

Mittwoch bei gutem Wetter nach Dormitz, sonst um den Friedhof.

Sonntag gehen wir nach Mötz, dort gemeinsam mit Untermieming nach Stams.“

(Zu bemerken ist, dass um diese Zeit keine Bittage sind.)

Die Zahl der Fastentage während des Jahres ging in die Dutzende, Beicht- und Bettage waren häufiger als heute. Die Erstkommunion war am Abend des Gründonnerstags (die Kinder mussten damals älter sein), die Kommunion konnte man nur bei völliger Nüchternheit zu sich nehmen. Geheiratet wurde allgemein um fünf Uhr in der Früh, damit kein Arbeitstag verloren ging. Die Fronleichnamsprozession war am selben Termin wie heute, die Marienprozession jedoch nicht am ersten September-Sonntag, sondern am Herz Mariä-Fest Mitte Oktober (wurde um 1870 geändert). Die erste Herz Jesu-Prozession wurde in Obsteig im Jahr 1823 abgehalten.

Die Prozessionen wurden seit 1799 von den Schützen (erste schriftliche Eintragung) und einer Gruppe Jungfrauen mit Kränzen im Haar begleitet, seit dem Jahr 1824 auch von Musikanten. Das Pulver für die Böller bezahlte immer die Kirchenkasse.

Es gab eine Vielzahl von religiösen Vereinigungen und Bündnissen, wie die Standesbündnisse der Frauen, Jungfrauen, Burschen und Männer, die Herz Mariä-Bruderschaft, den Herz Jesu-Bund, die Bruderschaft zum Hl. Josef, das Gebets-Apostolat, das Bündnis zur Kindheit Jesu, die Skapulierbruderschaft, den Gebetsverein, die Drittordensgemeinschaft, den Aloisi-Verein für die männliche Jugend u.a. Die Mitglieder verpflichteten sich zum täglichen Gebet und zur „thätigen“ Nächstenliebe, zu verschiedenen Messbesuchen und zum Beten für verstorbene Mitglieder. Für diese wurden aus den Vereinskassen auch Messen bezahlt. Es gab fast keinen schulentlassenen Obsteiger(in), der nicht bei einem oder mehr Bündnissen Mitglied war. Als jüngste religiöse Vereine wurden die Rosenkranzbruderschaft (1909) und im Jahr 1914 ein Kirchenbauverein gegründet. Dieser hatte das Ziel, die Kirche zu vergrößern, weil sie die Gläubigen nicht mehr zu fassen vermochte. Dabei gab es mehr Messen als heute. Der Kirchenbauverein wurde nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr weitergeführt.

Ein kleiner Hinweis auf diese Bündnisse sind die Figuren, „Farggelen“ und Fahnen, die heute bei Prozessionen mitgetragen werden (s.o.). Als letztes existierte in Obsteig noch der Frauenbund, dessen Mitglieder noch in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstorbenen Frauen (die Mitglied waren) nach der Begräbnisfeier ein schwarzes Tuch über den Sarg legten.

Das religiöse Leben war im 19. Jahrhundert so lebendig, dass sich die Obsteiger zur Entlastung des vielbeschäftigten Kaplans einen Gesellpriester (später Kooperator) wünschten. Sie sammelten Spenden (allein Josef Föger, Finsterfiecht, stiftete 1000 Gulden), wodurch der Unterhalt eines solchen Priesters gesichert wurde. Am 30. März 1850 war die Stiftung so abgesichert, dass sie vom Fürstbischof von Brixen genehmigt werden konnte. Der damalige Kaplan war P. Sebastian Klebelsberg, der erste Kooperator P. Franz Wegscheider. Manche Kooperatoren wurden später auch Kapläne oder (ab 1891) auch Pfarrer von Obsteig. Der letzte Kooperator war P. Maurus Grebenc, der 1948 hier seinen Dienst antrat und später Pfarrer wurde.

Im Widum lebten also durch ungefähr hundert Jahre immer zwei Priester zugleich. Das mag zuerst verwundern. Doch wenn man bedenkt, dass vor nicht hundert Jahren in größeren Pfarreien bis zu sieben Priester wohnten, ist das noch wenig.

Ab 1880 wurde eine gründliche Innenrestaurierung mit der Neufassung der Altäre angegangen. Die Kirche war nun an die hundert Jahre alt und wurde oft mehrmals am Tag bei Gottesdiensten, Andachten und Rosenkränzen besucht. Dabei brannten immer viele Kerzen, die Ruß und Rauch verursachten, was sich am Mauerwerk, an den Malereien und Vergoldungen niederschlug. Die Tabernakelzone wurde nicht nur gereinigt, sondern gänzlich neu vergoldet (s.o.).

Die Restaurierung muss 1882 abgeschlossen gewesen sein, denn in diesem Jahr las der Kaplan eine Messe für die „Wohltäter der nun vollendeten Kirchendecoration“. Erst im Oktober 1886 schickte Kaiser Franz Joseph eine Spende von 100 Gulden zur Kirchenrestaurierung.

Im Jahr 1892 war es vierhundert Jahre her, dass der bisher unbekannte Kontinent Amerika von Christoph Columbus entdeckt worden war. Diese Entdeckung zog eine unvorstellbare Ausbeutung der Bodenschätze und Unterdrückung der Ureinwohner nach sich. Ganze Stämme wurden niedergeworfen oder ausgerottet. Ihre Gebiete wurden aus Geld- und Goldgier nach und nach erobert und nebenbei zwangs-christianisiert. Wer sich nicht bekehrte, wurde getötet oder unter furchtbaren Qualen gefoltert. Bischöfe errichteten auf blutigem Boden ihre neuen Diözesen. Die Überzeugung trotzdem dem Willen Gottes glorreich gefolgt zu sein, war auch nach 400 Jahren in Europa ungebrochen, denn dem Obsteiger Verkündbuch 1892 ist zu entnehmen:

„Te Deurn (Großer Gott wir loben dich) und Hochamt zum Gedenken an die christliche Eroberung Amerikas“.

Im Jahr 1896 waren es 100 Jahre her, dass das Land Tirol wegen des französischen Kaisers Napoleon um seine Existenz und den Fortbestand des christlichen Glaubens fürchtete. In dieser Bedrängnis weihten die Landstände auf Anraten des Stamser Abtes Sebastian Stöckl das Land in der Bozener Pfarrkirche dem Herzen Jesu. Zum Gedenken an diese Weihe wurden — und werden heute noch — am Herz Jesu-Sonntag im Juni auf den Bergen die Feuer abgebrannt Ist es Zufall oder war es wirklich in Obsteig das erste Mal? Im Verkündbuch der Pfarrei Obsteig sind diese Feuer im Jahr 1896 erstmals schriftlich erwähnt.

Fürstbischof Simon Aichner von Brixen (1884-1904) erhob im Jahr 1891 zahlreiche Tiroler Kaplaneien und Kuratien zu eigenständigen Pfarreien, darunter auch Obsteig. Das war für die Seelsorge eine kirchenrechtliche Aufwertung, denn bei besonderen Fragen entschied bisher in letzter Instanz immer noch der Pfarrer von Untermieming. Obsteig war mit dieser Maßnahme zum ersten Mal seit vielleicht tausend Jahren, jedenfalls seit Bestehen der Pfarre Mieming, von dieser unabhängig. Der erste Pfarrer war der längstdienende Seelsorger von Obsteig, P. Lambert Schatz (1876-1904), sein Kooperator P. Stefan Mariacher, später Abt von Stams.

Der Turm

Die Kirche von Obsteig, eingeweiht im Jahr 1786, hatte über sechzig Jahre keinen Turm. Das heißt aber nicht, dass sie keine Glocken und keine Uhr hatte. Schon in dem Schreiben an das Kreisamt Imst vom 9. Jänner 1786 (s.o.) ist die Rede von zwei Glocken, und bereits in der Kirchenrechnung von 1789 ist enthalten „ für ein Memorial bezahlt und verzöhret wegen einer neuen Kirchenuhr 2 fl. 8 kr“. Und 1790 ist die Sprache von Glocken, die man aus dem Turm von Rietz herabgelassen und hierhergeführt hat, ebenso von einem neuen Glockenseil. Also eine Uhr und Glocken hatte die Kirche von Obsteig schon, aber es bleibt die Frage, wo diese hingen, und darüber fehlen die Nachrichten gänzlich. Man könnte überlegen, ob es ein provisorisches Holzgerüst oder einen improvisierten Vorgängerbau für den Turm gegeben hat, jedenfalls ist die Kontinuität des Glockengeläutes und der Kirchenuhr ab 1789 laut Kirchenrechnungen unbestritten. Auch wurde im Jahr 1791 für die Jause bei „ der Auszeigung des Turmholzes“ der Betrag von 25 Kreuzern bezahlt.

Und in den Folgejahren werden öfters mehr oder weniger hohe Beträge für den Turm, die Kirchenuhr oder die Glockenseile angeführt.

Doch in den Jahren 1834/35 mehren sich die Ausgaben für den Kirchturm derart, dass man auf einen Neubau schließen kann. Auch das Aussehen des Turms lässt auf diese Zeit schließen. Nie hätte man im 18. Jahrhundert einen Turm ohne Zwiebelhelm gebaut. Die beginnende Neugotik machte aber wieder die Spitzhelme modern, die seit über zweihundert Jahren nicht mehr üblich waren.

Die Obsteiger bauten also den schon lange ersehnten Turm und erst damit gelangte die Kirche zu einer gewissen Vollständigkeit. Er ist bis zum Turmknauf 36,70 m hoch (s.o.) und darüber stehen das Kreuz und der Wetterhahn. In seinen Ausmaßen ist er den Proportionen der Kirche gut angepasst.

Die Glocken — die Glockenstube ist im sechsten Stockwerk — wurden vom früheren Provisorium übernommen. Nur die Herkunft der ehemaligen Sterbeglocke, die im Turm weit über den anderen Glocken hängt, gibt Rätsel auf. Sie zeigt eine Kreuzigungsgruppe und die Jahreszahl 1793. Sie hat kein Läutwerk, war jedoch in den Kriegsjahren 1914-18 und 1939-45 die einzige Glocke, die der Kirchengemeinde nie genommen wurde.

Eine Glocke wurde anscheinend im Jahr 1837 neu angeschafft, denn in der dortigen Kirchenrechnung ist von einer „Verstärkung des Eisenwerkes an der neuen Glocke“ die Rede. Der erdgeschossige Raum des Turms diente den Männern und Buben zum Läuten. Die ledernen Glockenstricke reichten bis dort hinunter und mussten häufig beim Sattler oder Seiler (beide gab es in Mieming) repariert werden, was nicht wenig kostete. Zur Führung der Riemen gab es in den Böden der Stockwerke Löcher, wo die Stricke immer scheuerten.

Große Sorgen bereiteten durch lange Zeit die Nord- und die Westseite des Turms, denn hier bröckelte oft der Putz ab (s.o.). Jener auf der Nordseite hielt schließlich nach jahrzehntelangen Reparaturen, doch für den Westen musste man eine andere Lösung finden. Man verkleidete diese Seite im Jahr 1903 mit Blech, damit sie von Wetterunbilden geschützt blieb. Diese Verkleidung blieb bis zum Jahr 1998, dann nahm man sie wieder ab. Das Blech war völlig schwarz geworden und gab der Seite ein düsteres Aussehen. Der damalige Bischof Dr. Zu Lichtmess (2. Februar) 1942 brachte man die Geräte zur Abnahme des Obsteiger Geläutes, am Tag darauf wurde es vom Turm geholt. Und wieder mussten alle Kapellenglocken abgeliefert werden. Auf dem Kirchturm blieb lediglich die Sterbeglocke hängen.

Nachdem im Mai 1945 der Krieg verloren und (zumindest in Europa) zu Ende war, ging der damalige Pfarrer P. Alberich Gerards gleich daran, neue Glocken zu beschaffen. Wegen der unsicheren politischen Situation und der Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre war ein Teil der Bevölkerung skeptisch, ob das zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll wäre. Denn es könnte sein, dass sie gleich wieder abgenommen werden. Außerdem lag das Land wirtschaftlich buchstäblich am Boden. Dabei muss man sagen, dass die Stadtbevölkerung noch ärger hungerte als die Menschen auf dem Land, die wenigstens auf den Äckern etwas anbauen und ernten konnten.

  1. Gerards ließ nicht locker. Er erfuhr, dass die Pfarre Steinach Kupfer gegen Holzkohle zu vergeben hatte. Zur Glut für den Glockenguss benötigt man Kohle aus dem trockenen Fichtenholz, die in 14 Stunden das Metall auf 1150 Grad erhitzen muss. Die Haushalte mit Waldteilen konnten Holz auch leichter spenden als Bargeld. Anton Tanzer aus Holzleiten allein stellte 45 fm trockenes Holz zur Verfügung, das Josef Hendl aus Mötz oberhalb des Arzkastens zu Kohle brannte. Auch an anderen Stellen brannte er Kohle. Da er seine Meiler wochenlang nicht allein lassen durfte, brachten ihm die Familien abwechselnd das Essen zur Arbeitsstelle. In Obsteig nennt man noch mehrere Fluren „Kohlplatzl“.

Es kam so viel Holzkohle zusammen, dass man 1100 kg reines Kupfer eintauschen konnte. Da in ganz Österreich kein kg Zinn aufzutreiben war, machte der Pfarrer in der Schweiz jemanden ausfindig, der 350 kg von diesem Metall herzugeben hatte. (Glockenspeise beinhaltet 90% Kupfer und 10% Zinn.) So brachte er das nötige Material zusammen, dass wenigstens die zwei kleineren Glocken für die Kirche und eine für Holzleiten bei der Gießerei Graßmayr in Innsbruck in Auftrag gegeben werden konnten. Sie wurden am 12. März 1948 dort gegossen, ohne noch fertig finanziert zu sein. Denn der Guss kostete 5258.- Schilling, die erst bezahlt werden mussten.

Die Glockenweihe wurde zu einem großen Dorffest. Provikar Urban Draxl nahm die Weihe vor, sogar von der französischen Besatzung waren zwei hohe Vertreter gekommen.

Die Johannesglocke (213 kg) mit dem Ton eis‘ , Patin Anna Kapferer aus Geschwent, trägt die gleiche Inschrift wie die Gefallenenglocke nach dem Ersten Weltkrieg: „Sooft meine Töne vom Turme erschallen denkt betend an die, die für euch gefallen.“

Obsteig beklagte im Zweiten Weltkrieg neun Tote und 11 Vermisste.

Die Amalienglocke (120 kg) mit dem Ton e‘ , Patin Amalia Thaler aus Wald, hat den Spruch: „Hof und Haus und Mm und Feld sein dem Schutz dir unterstellt.“

Abt Eugen Fiderer von Stams weihte am 23. Oktober 1949 die weiteren Glocken, die noch heute in der Gemeinde hängen. Über deren Beschaffung und Finanzierung wird nichts Näheres berichtet. Im Kirchturm sind seitdem auch die zwei großen Glocken.

Auf der Josefsglocke (530 kg, Ton gis‘, Pate Josef Föger, Schneggenhausen) steht die Inschrift: „ St. Josefs Schutz, des Heilands Gnaden, begleiten uns auf allen Pfaden.“

Die Maria-Aloisiusglocke (310 kg, Ton h`, Pate Alois Föger, Fasser, Wald) trägt den Spruch: „ Du Mutter der Barmherzigkeit uns Hilfe gib zu jeder Zeit“.

Der Klang der vier Glocken klingt sehr harmonisch, er ist nach der sogenannten „salve regina“ — Melodie entworfen, die damals modern war und bei vielen Geläuten Anwendung fand.

Die neuen Glocken waren schwerer zu läuten als die früheren, weil sie ein größeres Gewicht hatten. Trotzdem dauerte es in Obsteig annähernd dreißig Jahre, bis das Geläute elektrifiziert werden konnte.

Reinhold Stecher bat den Pfarrer, er möge das doch ändern. Nach zweimaligem Versuch hält vorläufig der Putz, doch die Farbe blättert wieder ab (2006, s.o.).

Über die Namen und die Stimmung der Glocken, die im 19. Jahrhundert die Gläubigen zu den Gottesdiensten riefen, gibt es keine Nachricht. Denn sie existieren nicht mehr. Im Jahr 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Die Soldaten, die so begeistert für ihren Kaiser an die Fronten zogen, hatten nicht das erhoffte Kriegsglück und bald begann das Metall, aus dem die Kanonen gegossen wurden, knapp zu werden — so knapp, dass man im ganzen Reich auf die Gegenstände aus Buntmetall zurückgriff. Eigene Inspektoren kamen in jede Gemeinde und konfiszierten alles Brauchbare. Sogar Kochgeschirr wurde eingesammelt und Türklinken abmontiert. Als dies noch zu wenig war, nahm man den Gemeinden auch die Kirchenglocken und die Orgelpfeifen aus Zinn. Am 20. September 1916 wurden aus Obsteig die ersten fünf Glocken (die größte der Kirche — 450 kg – und vier aus den Kapellen) abgeliefert, am 17. Juli 1917 alle übrigen aus der ganzen Gemeinde, außer der Sterbeglocke. Sie wurden gewogen und pro Kilo bekam man vier Kronen, die nichts wert waren. Obsteig lieferte insgesamt eine Tonne und 207 kg Glockenspeise ab. Im November 1917 wurden alle Zinnpfeifen der Orgel herabgenommen Ein Jahr danach war dennoch der Krieg verloren, das Kaiserreich zerbrach.

Die Obsteiger kümmerten sich sofort wieder um einen Ersatz — mit Erfolg. Für die Orgel setzte sich der Schulleiter Johann Ladner ein und sammelte 3405 Kronen. Am 16. August 1919 konnte das vom Orgelbauer Reinisch aus Steinach reparierte Instrument bereits kollaudiert werden.

Auch mit den Glocken ging es relativ schnell, wenn man bedenkt, wie viele Kirchen und Kapellen der Innsbrucker Glockengießer Graßmayr damals zu bedienen hatte — alle hatten abliefern müssen.

Am 25. August 1923 salbte der damalige Abt von Stams, Stefan Mariacher das neue Geläute, dessen Anschaffung nur mit großen Opfern der Bevölkerung finanziert werden konnte (es war die Zeit der Inflation).

Die vier Glocken (Gefallenenglocke — Obsteig hatte im ersten Weltkrieg 31 Gefallene zu beklagen — Marienglocke, Antoniusglocke und Josefsglocke) hatten die Patinnen Maria Gaßler, Barbara Gabl, Maria Rudig und Agnes Gaßler.

Auf der Gefallenenglocke stand der Spruch: Sooft meine Töne vom Turm erschallen, denkt betend an sie, die für euch gefallen.

Auf der Marienglocke: Uns einst erflehe Mutter, du, nach diesem Leben Himmelsruh. Auf der Antoniusglocke: In Nöten, Krankheit und Gefahr behüt Antonius uns immerdar. Auf der Josefsglocke: Wie einst St. Josef aus des Lebens Fluten so makellos zum Himmel schwang empor, ging durch des Feuers sengend heiße Gluten zu deinem Preis ich silberhell hervor.

Doch die Freude über die neuen Glocken war für die Bevölkerung nur von kurzer Dauer, sie währte nicht einmal 20 Jahre.

In Deutschland und Österreich wuchs die Zahl der Anhänger des nationalsozialistischen Gedankengutes rasch an und die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) wurde gegründet. Sie verfolgte äußerst radikale Ziele. Im Sog der großen Arbeitslosigkeit und weil sie den Menschen Arbeit und Einkommen versprach, kam sie unter der Führung des gebürtigen Österreichers Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Hitler beschwörte mit seiner Machtpolitik internationale Konflikte herauf. Eine bewaffnete Auseinandersetzung inszenierte er mit seinem Einmarsch in Polen.

Im September 1939 begann damit der Zweite Weltkrieg und wieder wurden aus dem Glockenmaterial Kanonen gegossen, obwohl Hitler mit einer unglaublichen Waffenindustrie das Deutsche Reich bis an die Zähne bewaffnet hatte.

Im Sommer 1978 baute die Salzburger Firma Sachs das elektrische Läutwerk ein. Starke Elektromotoren treiben mittels Kettenantrieb die Räder an, die die Glocken zum Schwingen bringen. Durch automatisches Umpolen wird die dauernde Richtungsänderung des Schwungs erreicht. Es ist nur natürlich, dass durch die große Kraft, die beim Läuten von den Glocken ausgeht, auch der Turm ins Schwingen kommt. Dem Obsteiger Turm schadet das nicht. (Die wenigen Türme in Tirol, die früher gefährdet waren und auf denen nicht mehr geläutet werden durfte, haben heute eine von der Firma Graßmayr entwickelte Gegenpendelanlage.)

Die Glocken können jetzt von der Sakristei aus durch Knopfdruck geläutet werden.

Nur die ehemalige Sterbeglocke aus dem Jahr 1793 ist nicht elektrifiziert.

Im Dezember 1832 schrieb der Kaplan im Verkatidbuch : „ Die unverlässliche Turmuhr geht öfters zu früh“. Und in den Kirchenrechnungen des 19. Jahrhunderts sind öfters namhafte Beträge aufgelistet, die man für Reparaturen an der Uhr ausgegeben hat. Wahrscheinlich wurde das schließlich zu teuer, denn im Jahr 1899 ließ man ein neues Uhrwerk einbauen. Beauftragt damit wurde die namhafteste Firma Tirols in der damaligen Zeit. Es waren die Gebrüder Jäger aus Kappl, die nicht nur über die technisch ausgereifteste Mechanik Bescheid wussten, sondern die großen Uhrwerke (in Obsteig ca. mannshoch) auch optisch sehr ansprechend gestalteten. Ausgestattet war diese mechanische Uhr mit sehr schweren Gewichten, bei denen Steinblöcke mit Eisenbändern zusammengeschmiedet waren und an Lederseilen im Inneren des Turms herabhingen. Die Übertragung der Zeit auf die außenliegenden Zifferblätter erfolgte über Zahnstangen.

Die Firma Jäger stattete zahlreiche Kirchen mit kunstvollen Turmuhren aus, ein eindrucksvolles, herrliches Werk ist jenes des Innsbrucker Doms. Heute noch hat ihre Familie den Hausnahmen „die Uhrner“.

Das schöne Werk hatte nur einen Nachteil: Es musste regelmäßig aufgezogen, ab und zu geölt und manchmal nachgestellt werden. Das war die Aufgabe des Mesners.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, in die Türme elektrische Uhrwerke einzubauen. Sie waren wesentlich bequemer und gingen auch genauer. Auch der Stundenschlag der Glocken konnte so leicht vorprogrammiert werden.

Daher war es „unser langjähriger Wunsch“ — wie Pfarrer P. Alberich Svarc 1961 schreibt ­eine elektrische Turmuhr zu bekommen. Der große Sponsor für diese Anschaffung war der Besitzer der Burg Klamm, Mauritz Hünnebeck. Er überwies auf Bitten des damaligen Bürgermeisters Knoflach 5000 DM und deckte damit fast die ganzen Kosten ab. Die Firma Siemens elektrifizierte die Zeitsteuerung und den Stundenschlag von einem ganz kleinen Kästchen aus und so wurde die große mechanische Uhr der Gebrüder Jäger überflüssig. Doch steht sie heute noch im vierten Stockwerk des Turms in einer Art von Dornröschenschlaf. Sie gehört trotzdem nicht zum Alteisen, sondern ist ein schönes Zeugnis der Uhrmacher- und Schmiedekunst vergangener Zeiten. Nur bräuchte sie ab und zu etwas Öl und Kosmetik, um erhalten zu bleiben.

Die unteren zwei Stockwerke des Turms werden öfters genutzt. Im Erdgeschoss, wo früher die Läutstube war, ist heute ein Betraum eingerichtet, in dem auch regelmäßig Opferlichter brennen. Man kommt hier auch durch den Seiteneingang in das Kircheninnere. Dieser Eingang war von 1942 bis zur Innenrestaurierung 1981 durch einen Beichtstuhl verbaut. In den ersten Stock des Turms kommt man nur über die Sakristei und eine lange steile Stiege. Von dieser Etage gelangt man zur Kanzel, von der aus früher die Priester predigten, und in die obere Sakristei. Dort werden die Paramente und Figuren für die verschiedenen Abschnitte des Kirchenjahres aufbewahrt. In der Wand sieht man noch heute, dass es früher, dort wo jetzt die Statue des Hl. Josef auf einer Konsole steht, ein neuntes Kirchenfenster gegeben hat.

Dieses wurde bei der Renovierung der Kirche im Jahr 1942 zugemauert. Vom dritten Stock des Turms kommt man in das Kirchengewölbe.

Der Kirchturm bedeutet der Bevölkerung einer Gemeinde sehr viel. Er ist unbestritten der Mittelpunkt jedes Ortes. Mehr als ein Stadtturm dient er als Wahrzeichen und wird auch am häufigsten abgebildet. Gemeinsam mit dem Friedhof ist er die Visitenkarte einer Gemeinde denn es ist üblich, aus dem Zustand dieser beiden auf die Bevölkerung zu schließen.

Von den Mitteln der letzten Innenrestaurierung blieb etwas Geld übrig. Daher entschloss man sich, damit die Erneuerung des Turmkreuzes zu bestreiten (s.o.).

Die vier Knickgiebel auf den Seiten tragen Knöpfe, die Spitze einen großen Knauf, das Kreuz und den Wetterhahn. Sie waren aus Blech und von der ehemaligen Vergoldung war keine Spur mehr — sie sahen völlig verwahrlost aus. Zudem waren sie von zahllosen Gewehrschüssen völlig durchlöchert. Den Soldaten aus der französischen Besatzungszeit 1945-1955 dienten sie als willkommene Zielscheiben.

Es war Zeit, dass man sie auswechselte.

Die bei Kirchtürmen erfahrene Firma Kurt Kremser in Innsbruck stellte die Knäufe, das Kreuz und den Wetterhahn her und die Firma Schwenninger in Seefeld wurde mit deren Vergoldung beauftragt. Kremser hat in seiner Firma zahlreiche alte Turmkreuze und Knäufe im Lager. Er erzählt, es gebe keinen dieser Teile, der nicht vielfach durchschossen sei.

Die Turmkreuz-Setzung erfolgte am Kirchweihsonntag, dem 18. Oktober 1987. Pfarrer P. German Erd weihte das neue Kreuz und anschließend wurde es über einen langen Seilzug vom Widum aus auf die Spitze des Turms gezogen, wo es montiert wurde.

Im Knauf befindet sich eine Kupferbüchse, in der für spätere Generationen allerlei Wissenswertes enthalten ist: Eine handgeschriebene Urkunde nennt das Datum, den Pfarrer, den Bürgermeister und den Meister, der das Kreuz gesetzt hat. Weiters enthält sie Unterschriften vieler Zeugen sowie Zeitungen als zeitgeschichtliche Dokumente. Österreichische Münzen und Geldscheine dieses Jahres ergänzen das Wissen über die Zeit von 1987.

Damit enthält das Wahrzeichen von Obsteig auch Nachrichten für die späteren Bewohner der Gemeinde.

Der Friedhof

Mit der Kirchweihe im Jahr 1786 wurde auch die Anlegung des Friedhofs begonnen. Damit endete die Aufgabe, die Verstorbenen zur weit entlegenen Pfarre Untermieming zu bringen, was besonders im Winter sehr schwierig war. Dabei durfte sich Obsteig noch gar nicht beklagen. Die Toten von Tux im Zillertal musste man früher über das Tuxer Joch nach Schmirn im Wipptal transportieren, die Verstorbenen des hinteren Paznauntals über die Jöcher in den Schweizer Kanton Graubünden, die Bewohner von Vent über das Niederjoch ins Schnalstal, und solche Beispiele gäbe es noch mehr (z.B. Pfarren Imst und Zarns), wo Begräbnisse sehr umständlich und zeitaufwendig waren und man Verstorbene über den Winter, wenn die Jöcher nicht passierbar waren, im Dachboden vorläufig einfrieren musste.

Trotzdem waren die Obsteiger froh, in ihrer Gemeinde nun einen eigenen Gottesacker zu haben. Er wurde mit einer Mauer eingefriedet, das nötige kostbare Erdreich mussten die Haushalte aus ihren Äckern liefern (s.o.), was sie sehr schmerzte (wie dem Briefverkehr über die Finanzierung des Widumbaus zu entnehmen ist).

Die ersten Toten wurden direkt an der Kirchenmauer begraben. Am Anfang des christianisierten Alpenraums waren die Gräber geostet, d.h. die Häupter der Verstorbenen zeigten nach Osten in Richtung Jerusalem, wo Christus auferstanden ist. Das hielt sich über viele Jahrhunderte. Später — wie auch in Obsteig, zeigten sie in die Richtung des Altars, wo Christus im Tabernakel wohnt.

Mit der Vielzahl der Gräber musste sich dieser Brauch von selbst aufheben, weil es räumlich nicht mehr möglich war. Heute zeigen in Obsteig die Gräber durchwegs nach Süden. Dieser Friedhof — rund 550 m2 groß — reichte für 170 Jahre, dann wurde die Bevölkerung zu groß. Ab dem Jahr 1957 erweiterte man den Gottesacker um 730 m2 und weihte ihn am Allerheiligentag 1959 ein. Die an der Kirchenwand liegenden Gräber exhumierte man und verlegte die noch auffindbaren Überreste an neue Plätze.

Eine weitere Störung des Totenruhe erfolgte im Zuge der Straßenerweiterung um das Jahr 1980. Die Nordwand des Friedhofes wurde abgetragen und gegen die Kirche zurückversetzt , also mussten auch die an jener Mauer liegenden Gräber aufgelassen werden. Schöne alte Grabplatten an der alten Wand, so auch jene des Nordpolfahrers Johann Haller und seiner Frau Barbara, verschwanden für immer und wurden durch neue Steine ersetzt. Eine nichtssagende Betonmauer, von der Bundesstraßenverwaltung errichtet, grenzt jetzt den Friedhof von der Straße ab und lässt einen schmalen Durchgang zur Kirchentür offen. Es ist unbestritten, dass durch diese Maßnahme nicht nur der Anblick des Friedhofs, sondern auch jener der Kirche empfindlich gelitten hat.

Diese Verlegungen der Gräber — zuerst von der Kirchenmauer und dann von der Nordwand des Friedhofs — in den neuen Abschnitt sind nicht die einzige Ursache, weshalb bald auch dieser zu klein wurde. Mit ein Grund ist auch das rasche Anwachsen der Bevölkerung in den letzten 15 Jahren. Man machte sich schon in den 90er-Jahren über die nächste Erweiterung Gedanken, wobei auch der Vorschlag, einen gänzlich neuen Friedhof im Aspig (ein schöner Landschaftsteil) zu errichten, diskutiert wurde. Weil jedoch ein Grundkauf westlich des bestehenden Areals möglich wurde, begann man im Jahr 2004 dort mit dem Erweiterungsbau, bei dem auch ein Teil für Urnenbeerdigungen vorgesehen ist.

Verbrennung von Toten hat eine sehr alte Tradition. Schon in der ausgehenden Jungsteinzeit und dann vor allem in der Bronzezeit hatte die Brandbestattung zu einer hohen Totenkultur geführt, so dass man heute von der Urnenfelderkultur spricht, von der es in Tirol viele Beispiele gibt. Erst ab 800 — 600 v. Chr. war wieder die Körperbestattung allgemeiner Brauch. Die katholische Kirche verbot die Verbrennung, weil sie den Glauben an eine körperliche Auferstehung vertrat und damit auch den Ansichten der Freimaurer entgegenwirken wollte. Wer sich verbrennen lassen wollte, wurde exkommuniziert. Erst seit dem Jahr 1963 stellt sie den Gläubigen die Art der Bestattung frei. Seit dieser Zeit gibt es in unseren Gemeindefriedhöfen erstmals wieder Urnenwände und —abschnitte.

Der nun dritte Teil wurde anschließend an die Mariä Namen-Prozession im September 2005 von Abt German von Stams eingeweiht.

Ein seit 120 Jahren in die westliche Friedhofsmauer integrierter kleiner Sakralbau ist die Lourdeskapelle. Im Jahr 1858 erschien die Jungfrau Maria dem Mädchen Bernadette Soubirous in Lourdes (in Südfrankreich) beim Holzsammeln in einer Grotte am Fluss Gave und brachte eine Quelle zum Springen. Heute noch ist dieses Lourdeswasser bei Gläubigen sehr begehrt. Man spricht ihm große Heilwirkung zu.

Bald begann Lourdes ein großes Wallfahrtszentrum zu werden, das bis heute seine Attraktivität nicht verloren hat. Jährlich pilgern aus Tirol zahlreiche Menschen in von der Diözese organisierten Gruppen dorthin.

Diese Wallfahrt war vor allem im 19. Jahrhundert vielen nicht möglich.

Daher errichtete man in zahlreichen Gemeinden, meistens durch Stiftungen, Kapellen mit der Nachbildung jener Grotte, in der Maria nach den Aussagen der Bernadette gestanden ist. In der Obsteiger Lourdeskapelle (der Stifter ist nicht bekannt) sieht man die Grotte mit Figuren der Maria und der betenden Bernadette, in der Wand die französisch geschriebene Erinnerungsplakette eines Obsteiger Wallfahrers, der selbst in Lourdes war.

Die früher von Efeu überwucherte Kapelle wurde im Jahr 2005 von der Gemeinde restauriert und neu mit Schindeln gedeckt.

In der Norwestecke des Friedhofs stand seit ältester Zeit eine kleine, zum Teil hölzerne Kapelle. Welchem Zweck sie diente oder wem sie geweiht war, ist nicht genau bekannt. Wahrscheinlich war sie eine Art Totenkapelle, denn im Jahr 1892 stiftete Magnus Schneider von Geschwent („Mong“) für den Bau einer „neuen“ Totenkapelle am selben Ort 2400 Kronen.

Mit der Planung und dem Bau wurde der Maurermeister Heinrich Hörmann aus Mötz beauftragt. Das Gebäude kostete 2300 Kronen. Die Ausmalungskosten (Karl Mair aus Wattens) von 136 Kronen übernahm die Familie Spielmann (heute „Schneiders“) in der Unterstraß, die Figuren von der Firma Vogl in Hall kosteten 180 Kronen. Adolf Vogl schnitzte um dieselbe Zeit auch die neugotischen Altäre in Untermieming Am Kirchweihsonntag 1895 wurde die Kapelle durch Abt Mariacher von Stams eingeweiht.

Diese Totenkapelle wird nicht viel benützt worden sein, denn bis zum Jahr 1984 waren in Obsteig Hausaufbahrungen üblich. In der Kapelle wurden auswärtige Verkehrs- und Bergtote oder andere, die im Gemeindegebiet verstorben sind, untergebracht. Danach brachte man sie in die Gerichtsmedizin oder in ihren Heimatort.

Diese Kapelle bildete gemeinsam mit der Kirche ein schönes Bild, wie man auf alten Ansichten sehen kann. Leider wurde auch dieses Ensemble durch die Straßenerweiterung 1980 zerstört. Das Gebäude musste dem Verkehr weichen und wurde abgerissen. Obsteig hat damals vieles vom schönen alten Dorfbild verloren.

Das Kreuz und die Statuen von Maria und Johannes befinden sich jetzt in der Sakristei.

Einen Teil zur Planung und den Neubau der jetzigen Aufbahrungshalle musste die Bundesstraßenverwaltung beitragen. Der Raum wurde 1982 zwischen der südlichen Friedhofsmauer und dem Schulhaus errichtet. Den Plan für das moderne Gebäude zeichnete Architekt Paul Ilmer aus Innsbruck. Die Größe des Andachtsraums entspricht den jetzigen Erfordernissen, so dass neben dem Sarg genügend Raum für die Anordnung von Kränzen und Buketts, sowie für eine gewisse Anzahl von Betenden vorhanden ist.

Weil der Raum selbst auch eher dunkel gehalten ist, vermittelt das farbige Auferstehungsfenster von Prof. Norbert Strolz (aus Landeck) umso mehr Hoffnung und Zuversicht. Aus dem Dunkel der Trauer und der vielen Fragen über das Warum des schmerzlichen Verlustes sieht man in die Helle des tröstlichen Ostermorgens.

Die Gestaltung des fünfteiligen Portals übernahm der Imster Künstler Prof. Elmar Kopp. Jeder der schweren kupfernen Teile trägt ein großes Medaillon mit einer Szene aus der Leidensgeschichte Christi. Der tiefere Sinn dieser Abfolge von Darstellungen an der Kapelle ist unverkennbar: Aus den Mühen, Sorgen und Leiden des Lebens und Sterbens gelangen wir Menschen über die Todesschwelle zur Auferstehung und zum ewigen Leben, wie Jesus auf den Darstellungen hier es vorgelebt hat.

Die Einweihung der Aufbahrungshalle erfolgte am 4. November 1984 in einer schlichten Feier durch den damaligen Pfarrer P. Stefan Köll. Seitdem sind Hausaufbahrungen in Obsteig nicht mehr erlaubt.

Der Tod war als Teil des Lebens den Menschen früher mehr bewusst als heute. Man nahm ihn als gottgewollt und naturgegeben hin wie die Geburt. Doch fürchtete man das plötzliche Sterben und betete um Abwendung „eines jähen und unversehenen Todes“, damit man genug Zeit habe, seine Sünden zu bereuen und sich auf die Reise ins Jenseits vorzubereiten. Starb dennoch jemand durch einen Unglücksfall am Berg, im Wald oder auf der Straße, errichtete man ihm ein Marterl, auf dem man die Umstände seines Todes berichtete (undmalte) und um ein Gebet für seine Seele bat. Die oft markigen Sprüche auf den Gedenktafeln sind sogar von volkskundlichem Interesse. Diese Volkskultur lebt in Tirol zum Teil noch heute weiter.

Soldaten sterben fast immer einen plötzlichen Tod, außer sie erleiden ihn nach schweren Verwundungen in einem Lazarett. Ihrer wurde früher nie besonders gedacht, denn die Verteidigung der Heimat und dabei zu sterben war genauso normal wie jeder andere Tod. Krieg war etwas fast Normales, annähernd keine Generation lebte dauernd in Friedenszeiten. Die ersten Nachrichten über in Italien gefallene Obsteiger geben uns die Sterbebücher der Pfarrmatriken im 19. Jahrhundert.

Es gibt aber schon einige wenige Friedhöfe in Alt-Tirol, in denen Gefallene aus dem 19. Jahrhundert (z.B. in den Schlachten bei Solferino und Custozza, 1859 und 1866) verzeichnet sind.

Die Aufstellung oder Anbringung von richtigen Kriegerdenkmälern wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg allgemein üblich, und zwar im ganzen ehemaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn. Sogar im deutschsprachigen Siebenbürgen (heute in Rumänien) findet man Denkmäler mit den Namen der Gefallenen.

Die Gemeinde Obsteig folgte dieser Strömung und bestellte ein Denkmal für ihre 31 Gefallenen. Schließlich war es ein hoher Blutzoll für die damals 490 Seelen zählende Bevölkerung und es waren junge, hoffnungsvolle Männer, die hier fehlten. Die meisten fielen in den Bergen Südtirols und in Galizien und Russland.

Das Denkmal wurde bei der Firma Leopold Seeber in Innsbruck in Auftrag gegeben, die es im Jahr 1923 liefern konnte. Es ist eine dreiseitige Säule, in deren Seiten die Namen der Gefallenen eingemeißelt wurden. Die Vorderseite trägt ein Bronzekreuz und einen stilisierten Lorbeerkranz. Darunter erinnert ein Spruch an das Schicksal der Frontsoldaten:

„Sie gaben alles, was sie konnten geben:

Die Seele Gott, der Heimat Blut und Leben.

Vorbei sind Mühsal, Not und Tod und Schlacht.

Es ist vollbracht.“

Gekrönt wird diese Säule von einem sitzenden Adler, dem Wappentier Tirols, ohne ausgebreitete Schwingen. Eine Trauerstellung.

Die Einweihung am 7. Oktober 1923 war eine überregionale Gedenkfeier. Es kamen Musikkapellen und Schützen aus sieben Gemeinden, hochdekorierte Militärs unter General Exzellenz Verdross, der Landeshauptmann Dr. Stumpf und der Bezirkshauptmann von Imst, Hofrat Ottenthal. Drei altgediente Kaiserjäger in Paradeuniform hielten stundenlange Ehrenwache. Ein ehemaliger Divisionspfarrer zelebrierte die Feldmesse.

Die Kranzniederlegung war ein langer Abschnitt des Festaktes. Außer den vielen offiziellen Stellen legten noch zahlreiche andere ihre Kränze nieder. Hatten doch buchstäblich alle Vereine einen oder mehrere Gefallene zu beklagen. Sogar die Schulkinder brachten einen Kranz. Rührend wurden aber dann jene Minuten, in denen die Angehörigen der 31 Gefallenen ihrer Männer, Söhne und Väter gedachten.

Im Zweiten Weltkrieg fielen neun Obsteiger und elf sind vermisst. So ließ man ihre Namen in Platten gravieren und diese an den Sockel des Denkmals schrauben.

Das Kriegerdenkmal stand ursprünglich direkt an der Straße zwischen der Kirche und dem Widum. Bei der Neugestaltung des Kirchplatzes im Jahr 2001 wurde es von der Firma Larcher in Tarrenz restauriert und auf einen Platz ca. 20 m südlich vom alten Standort versetzt. An jedem Sonntag nach Allerheiligen (Seelensonntag) findet dort nach dem Amt die Heldenehrung mit einer Kranzniederlegung statt.

Der Priester spricht ein Segensgebet, der Bürgermeister, die Schützen, die Musikkapelle, die Feuerwehr und die Gläubigen gedenken der Gefallenen der Gemeinde.

Die Zeit nach der Erhebung zur Pfarrei

Bischof Simon Aichner von Brixen hat in seiner Amtszeit viel bewegt. Er war von 1884 bis 1904 Oberhaupt der Diözese. Sein Wirken fiel in die Zeit der Gründung der neuen „sozialen“ Parteien, wobei er entschieden für die konservative Richtung eintrat. Vielleicht ist das der Grund, warum Aichner die vielen abhängigen Seelsorgsstellen stärken wollte und ihnen den Status einer eigenen Pfarrei zukommen ließ.

Aichner löste daher 1891 auch die Kaplanei Obsteig aus dem Pfarrverband von Untermieming und ernannte sie zur eigenen Pfarrei. Der bisherige Kaplan P. Lambert Schatz wurde damit zum Pfarrer erhoben. Im Jahr 1891 hatte Obsteig 449 Einwohner.

Dieser längstdienende Seelsorger von Obsteig leitete die Kaplanei bzw. Pfarre von 1876 bis zum Jahr 1904. In seine Zeit fällt die gründliche Innenrestaurierung der Kirche in den Jahren 1880 bis 1882 (s.o.).

  1. Lambert wurde 1820 in Telfs geboren und 1846 zum Priester geweiht. Nach mehreren Dienststellen als Kooperator und Kurat in Nord- und Südtirol kam er nach Obsteig, wo er 1896 sein goldenes Priesterjubiläum feierte und zum Ehrenbürger ernannt wurde. 1904 kehrte er, weil er gesundheitliche Probleme hatte, ins Stift zurück und feierte 1906 noch sein diamantenes Priesterjubiläum. Am 11. Juni 1908 starb er. Sein einfaches, frommes und konziliantes Wesen machte ihn bei der Bevölkerung sehr beliebt.

Ihm folgte P. Alberich Pixner. 1860 in Pfelders in Südtirol geboren, wurde er 1892 zum Priester geweiht. Nach seiner Amtszeit in Obsteig 1904 bis 1908 nahm er die Pfarrerstellen in Seefeld und Huben im Ötztal an. Die weiteren Jahre verbrachte er im Stift Stams.

Pfarrer Alberich Pixner verkaufte im Jahr 1907 das „Kirchenhaus“ zwischen dem Widum und der Kirche um 5000 Kronen an die Gemeinde. Dazu gehörte auch der südlich anschließende Acker. Nur eines bedingte sich Pixner aus: Er durfte weiterhin einen Bretterverschlag zum Mietpreis einer Krone pro Jahr benützen, damit man dort verschiedene „Kirchen­Decorationen“ aufbewahren konnte.

Dieses „Kirchenhaus“ wurde im Jahr 1809 von Josef Gaßler (Schneggenhausen) erbaut. Dieser Bau wurde des öfteren unterbrochen, weil man die Arbeiter „gegen den Feind abziehen musste“ (Tiroler Freiheitskämpfe).

Es kam in den Besitz der Josefa Hirn von der Burg Klamm und nach deren Tod (1846) ging es an ihre Schwester Anna Theres. Diese vermachte es vor ihrem Tod im Jahr 1864 der Pfarrei. Seit dort hieß es „Kirchenhaus“.

Ab dieser Zeit lebten Quartierleute in dem Gebäude. Unter ihnen war ab 1875 die Familie des Nordpolfahrers Johann Haller, der hier mit seiner Frau Barbara Egger längere Zeit wohnte. Er kaufte dann von der Familie Schöpf das heutige „Hallerhaus“.

Im Jahr 1894 mietete das Haus die Gemeinde. Sie brachte im Obergeschoss die Lehrerwohnung und im Erdgeschoss einen großen Raum für die Musikkapelle und ein kleines Zimmer für die Raiffeisenkasse unter.

Den Acker nützte die Gemeinde, indem sie zwei Jahre nach dem Kauf der Liegenschaft das neue Schulhaus (das „untere Schulhaus“) darauf errichtete.

Nachdem die Schule 1920 zweiklassig wurde, benützte man das ehemalige „Kirchenhaus“ für die Unterbringung einer Klasse. Es wurde zum „oberen Schulhaus“ und diente als solches bis zum Jahr 1968. Nach dem Bau des jetzigen Volksschulgebäudes wurde es im November 1968 abgerissen.

Am 13. Juni 1908 erfolgte ein Pfarrerwechsel. P. Alberich Pixner ging, wie gesagt, nach Seefeld und ihm folgte P. Edmund Ganner, der zuvor Kurat in Pfelders in Südtirol war.

 

  1. Edmund begann eine große Außenrestaurierung an der Kirche. Unter anderem wurde das Dach aus Holzschindeln erstmals durch ein Eternitdach ersetzt.

Ebenso unternahm er einige bauliche Veränderungen am Widum. Er ließ es trockenlegen und die bisherigen unhygienischen WC-Anlagen an die Außenmauer bauen.

Restaurieren wollte er auch die Kirchengemeinde. Im Jahr 1910 hielten drei Kapuzinerpatres eine erfolgreiche Volksmission durch acht Tage und die war so erfolgreich, dass er diese Mission im Jahr 1912 wiederholte. Damals spendierte die Gemeinde das große Missionskreuz aus einer Lärche im Lehnberg, das heute bei der neuen Aufbahrungshalle steht.

In der Amtszeit von P. Edmund Ganner änderte sich auch der Mesnerdienst in Obsteig nachhaltig. Seit Bestehen der Seelsorge oblag es dem jeweiligen Lehrer, den Organisten- und Mesnerdienst zu besorgen. Dafür bekam er ein kleines Entgelt von der Gemeinde. Der längstdienende von ihnen war Franz Gaßler (Schneggenhausen), der diese Ämter durch 61 Jahre versah (1833-1894).

Am 1. Juni 1910 nun kündigte der damalige Schulleiter Alois Neuner den Mesnerdienst auf „Nicht zum Schaden der Kirche, denn die Lehrer haben kein Interesse daran“, bemerkte P. Edmund.

Der Gemeinderat beschloss daraufhin, das Mesnergehalt um 100 Kronen jährlich aufzubessern. Mit fürstbischöflicher Erlaubnis wurde dann der Schneidermeister Alexander Scharmer mit Wirkung vom 1. September 1910 zum Mesner bestellt. In dessen Familie liegt dieser Dienst bis heute (2006). Nach Alexander Scharmer versah ihn dessen Tochter Karoline („Schneiders Line“) und derzeit sein Enkel Josef („Schneider Seppl“).

Am 1. September 2010 kann diese Familie daher auf einen hundertjährigen Mesnerdienst zurückblicken.

  1. Edmund Ganner war ein sehr erfolgreicher und unternehmerischer Pfarrer. Wo er Handlungsbedarf sah, wurde er aktiv. Bereits bei seiner Abberufung aus der Kuratie Pfelders tat es ihm Leid, mitten aus einer laufenden Widumrenovierung weggehen zu müssen. Heute würde man sagen, er war ein „Macher“ oder „Workaholic“. Der unermüdliche Priester hat in Obsteig sehr viel bewegt. Er war auch maßgeblich daran beteiligt, als im Jahr 1914 für die Unterstraß eine Hochdruck-Wasserleitung aus der Sturl in Angriff genommen wurde. Dieses Vorhaben wurde durch den Beginn des Ersten Weltkrieges unterbrochen.

Zwischen März und Mai 1915 wurde Edmund Ganner durch den neuen Pfarrer P. Gualbert Thöni abgelöst. P. Gualbert wurde 1875 in Vallarsa im Trentino geboren und war vor seiner Zeit in Obsteig Kooperator in vier Pfarreien des Stiftes Stams in Nord- und Südtirol. Obsteig war die letzte Station seines langen Priesterlebens, da er im Oktober 1940 plötzlich starb. Es war ein Leben der Sorge um seine Pfarrkinder. Viele fielen in den Jahren 1915 bis 1918 an den Fronten und er teilte mit den Angehörigen den Schmerz über den unsinnigen Verlust ihrer Lieben.

  1. Gualbert erlebte die tiefgreifenden politischen Veränderungen der Zwischenkriegsjahre nicht nur aus den Zeitungen, sondern auch in seiner Pfarrgemeinde.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges am 3. November 1918 entstand aus dem ehemaligen kaiserlichen Großreich mit seinen vielen Völkern ein neuer, kleiner Staat „Deutsch-Österreich“, an dessen Fortbestand niemand so recht glauben wollte und in dem sich immer mehr der Gedanke an einen Anschluss an Deutschland breitmachte. Wirtschaftliche Stagnation, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit öffneten radikalen Bewegungen und Parteien Tür und Tor. Wichtig war den Menschen nur, dass jemand die Wirtschaft in besserte und ihnen Arbeit und Brot verhieß. Alles andere war nachrangig.

 

Und das tat der Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler, seit 1933 Kanzler von

Deutschland. Und er versprach in seinen Reden auch immer wieder, Österreich „heim ins Reich“ zu führen.

So war auch die politische Gesinnung der Menschen in Obsteig gespalten. Die einen waren konservativ, die anderen verfolgten die Fortschritte dieser neuen Partei NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) mit Interesse und wurden zum Teil ihre Anhänger.

Dass die Parteiprogramme der Nationalsozialisten auch antikirchliche Elemente aufwiesen, wird P. Gualbert mit Sorge erfüllt haben. Denn ein (allerdings sehr kleiner) Teil seiner Pfarrkinder hielt nur mehr wenig von der Kirche und den „Pfaffen“, wie die Partei die Priester nannte.

Der größte Teil der Obsteiger hatte aber in sich selbst zwiespältige Gefühle. Die Menschen wollten an ihrem angestammten Glauben und den überlieferten Traditionen festhalten, sehnten sich jedoch nach einem gesicherten Einkommen und einem wirtschaftlichen Fortschritt, um gute Zukunftsperspektiven zu haben. Dazu war eine starke Hand nötig, und die hatte anscheinend der „Führer“ Adolf Hitler.

Als Hitler am 13. März 1938 die deutschen Truppen in Österreich einmarschieren ließ, jubelten ihm hier Zahllose zu und auch viele Obsteiger hissten die Fahne mit dem Hakenkreuz. Und als am 10. April die Volksabstimmung über die „Wiedervereinigung“ Österreichs mit Deutschland einen überwältigenden Erfolg für Hitler brachte, hatte auch die Bevölkerung Obsteigs ihren Anteil daran. Schließlich riefen am 18. März auch die Bischöfe die Gläubigen in Folge der wirtschaftlichen und politischen Lage dazu auf, dafür zu stimmen. Ein dementsprechender Hirtenbrief wurde am 27. März von allen Kanzeln verlesen.

Nachdem am 1. September 1939 Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte, mussten nach und nach auch 81 junge Männer aus Obsteig an die Fronten in Russland, Norwegen, Frankreich, Italien und in den Balkan. Das war ein großer Teil, denn Obsteig hatte damals 110 Haushalte. Den ersten Gefallenen (Franz Huber) erlebte P. Gualbert nicht mehr, denn er selbst starb am 19. Oktober 1940. Er wurde an der Nordost-Ecke des Friedhofes begraben. Der Obsteiger Bildhauer Hermann Rieser schnitzte ihm 1941 ein Grabkreuz aus Eichenholz mit einem dornengekrönten Haupt Christi. Der legendäre Pfarrer Thöni ist älteren Obsteigern noch heute in guter Erinnerung. Er ist nach außen nicht viel in Erscheinung getreten und hat auch an der Kirche und am Widum nicht viel geändert, er war eher ein stiller und bescheidener Mensch, doch die Leute mochten ihn gern.

  1. Gualbert hatte eine große Leidenschaft: Er war ein begeisterter Standschütze. Regelmäßig besuchte er den Obsteiger Schießstand, den es damals beim Löwenwirt gegeben hat und maß mit anderen seine Treffsicherheit. Es wird wohl auch wenige Landesschießen in Innsbruck gegeben haben, die er nicht besuchte.

 

 

 

  1. Alberich Gerards, der bereits sieben Tage nach dem Tod des Pfarrers Thöni, am 26. Oktober 1940, von Seefeld hierher versetzt wurde, war von einer ganz anderen Art. Wie selten ein anderer Priester konnte er die Bevölkerung — trotz der Kriegszeit — für alles mobilisieren, was mit der Seelsorge und der Kirche zu tun hatte.
  2. Alberich wurde 1900 in Deutschland geboren und kam vor dem Krieg nach Tirol. Sein Geburtsort war Ruhrberg in der Eifel und 1920 trat er in die Abtei Marienstatt im Westerwald ein. 1924 wurde er dort zum Priester geweiht.

In den letzten Lebensjahren von Pfarrer Thöni war manches an Arbeit liegen geblieben. Im Widum mussten einige Räume geputzt und frisch gestrichen sowie Täfelungen und Böden erneuert werden. Bei der letzten Widumrenovierung kam 1990 ein Stück Brett zum Vorschein auf dem steht: „Dieser Boden wurde gelegt von Peter Auer, Luis und Siegfried Auer, Obsteig, im Dezember 1940 unter Pfarrer A. Gerards. Im II. Kriegsjahr, im 8. des III. Reiches. Der erste Boden stammte aus dem Jahre 1787 u. wurde gelegt von Michael Schärmer aus Wildermieming.“

Im Jahr 1941 ließ Pfarrer Gerards in das Widum Fließwasser legen und versorgte damit die Küche und sein Schlafzimmer.

Eine große Arbeit war auch das Ordnen und Erledigen zahlreicher liegen gebliebener Schriftsachen.

Bei diesen Arbeiten half ihm seine Schwester Martha, die ihm als Häuserin von Seefeld hierher gefolgt war und auch noch seinem Nachfolger, P. Svarc, als Haushälterin diente.

Als seine dringlichste Aufgabe sah Pfarrer Gerards , das Innere der Kirche wieder in einen

würdigen Zustand zu versetzen. Die Wände waren schwarz und der Putz bröckelte ab. Der bischöfliche Architekt Stuefer schrieb in seinem Gutachten 1942, „dass die Kirche eher einer Schmiede gleicht“. In diesem Jahr wurden die Arbeiten auch in Angriff genommen ­sehr argwöhnisch von den Männern der NSDAP beobachtet und zwischenzeitlich auch eingestellt. Sie waren nämlich nicht „kriegswichtig“. Der Pfarrer hatte deswegen öfters Behördengänge zu machen, um weiterarbeiten zu können.

Nachdem die Putz- und Malerarbeiten fertig waren, brachten die Tischler Peter und Josef Auer (Roller) eine neue brusthohe Täfelung des Langhauses und zwei Beichtstühle an, der Innsbrucker Kunstmaler Sturm schmückte den Triumphbogen mit einfachen Malereien. Diese Neuerungen blieben bis zur Innenrestaurierung 1981.

Die Fenster waren mit Ausnahme von zwei Chorfenstern ohne Schmuck. Daher ließ Pfarrer Gerards auf Anraten von Architekt Stuefer bei der Firma Zettler in München sechs der acht Fenster mit Bildern aus dem Leben des hl. Josef versehen (s.o.). Über deren Ausführung war P. Alberich sehr begeistert und voll des Lobes. Von der gleichen Firma wurden für die Kapelle in der Oberstraß vier Fenster bestellt, deren Lieferung wegen der Bombardierung Münchens zuerst nicht sicher war.

Die umfangreiche Renovierung war dem Pfarrer zur Zufriedenheit ausgefallen, doch ein Anliegen war ihm auch die Kirchenmusik. Vorerst suchte er verschiedene Kirchenlieder zusammen und vervielfältigte sie für den Volksgesang. Dann schickte er drei Pfarrkinder zu Orgelkursen, damit die Lieder auch mit Musik begleitet werden konnten.

Weil die Orgelklänge aber dem damaligen (etwas süßlichen) Geschmack nicht ganz entsprachen, ließ er die Orgel von einer Firma in Feldkirch-Altenstadt umbauen und uni sehr viele Register und Züge erweitern (s.o.). Der Spieltisch (nun zweimanualig) schaute jetzt in die Richtung des Altares. Der Preis dafür waren stolze 9000.- Reichsmark.

Die Orgel war für die kleine Kirche sicher nicht richtig bemessen und das vom Orgelbaumeister Johann Georg Gröber 1848 sensibel geschaffene Werk hatte nichts mehr vom alten Klang. Nach der Restaurierung 1981 wurde es wieder auf den ursprünglichen Zustand gebracht (s.o.).

 

Nicht nur den Kirchenbau wollte P. Alberich renovieren, sondern auch die Pfarrgemeinde und er ging mit vollem Eifer daran. Um die Menschen mit Leib und Seele für den Gottesdienst zu begeistern, schuf er manches Neue. So gründete er einen neuen Kirchenchor, stellte die erste Kirchenkrippe (von den Franziskanern in Telfs spendiert) auf den rechten Seitenaltar und hängte erstmals einen Adventkranz auf. Auch die erste Adventkranzweihe fand im Jahr 1941 statt. Bei den Rorate-Messen bekamen die 40 bis 50 gekommenen Kinder kleine Adventlichter. Die erste Abendmesse in Obsteig fand am Dreikönigstag 1942 statt.

Zahllose Bibelstunden, Andachten und Weiterbildungen brachten immer mehr Gläubige zur Kirche. Der Erfolg blieb nicht aus. Das stete Anwachsen des religiösen Lebens schlug sich auch im Kommunionempfang nieder. Waren es im Jahr 1940 3200, so empfingen bereits 1944 11098 Menschen die Kommunion.

Im Jahr 1943 wurde dem rührigen Pfarrer auch die Erlaubnis zum Religionsunterricht entzogen, obwohl sich der damalige Ortsgruppenleiter der Partei dafür einsetzte — aber ohne Erfolg. So blieb 1944 auch die Erstkommunion aus.

Auch die drei großen Prozessionen von der Kirche in die Oberstraß wurden verboten. Man fand einen Ausweg, indem man durch die Felder südlich des Widums zog.

Für Pfarrer Gerards war die Seelsorge in der „Nazizeit“ eine riskante Gratwanderung zwischen pfarrlichem Einsatz und Gefängnis. Zahlreiche engagierte Priester aus Tirol wurden ihres Amtes enthoben, viele des öfteren verhört, zeitweilig in den Arrest und manche in die Konzentrationslager gebracht. Einige wurden hingerichtet. Zwei von ihnen, Otto Neururer und Jakob Gapp, wurden vor wenigen Jahren vom Papst selig gesprochen.

Doch P. Alberich, der des öfteren verhört wurde, konnte eigentlich seine Arbeit immer wieder fortsetzen.

Ein Beispiel für seinen unerschrockenen Mut war die Begegnung mit zwei Parteimitgliedern in einem Zug nach Innsbruck. Dazu muss bemerkt werden, dass er veterinärmedizinisch ausgebildet war. Als die zwei in seinem Abteil Platz nahmen, sagte einer: „Schon wieder so ein schwarzes Arschloch“, womit er den Priester meinte. Worauf er antwortete: „ Ich habe schon viele Tiere behandelt, aber nur braune Arschlöcher gesehen.“ Die Parteifarbe der NSDAP war Braun. Dass er hier ungeschoren davonkam, grenzt an ein Wunder.

Gegen Ende des Krieges war das Widum (aber auch viele andere Häuser) monatelang voll von Bombenflüchtlingen und zurückströmenden Soldaten, was vor allem die Haushälterin oft vor große Aufgaben stellte.

Aus Angst davor, auch Obsteig könnte Kampfgebiet werden, vergruben die Menschen viele ihrer Wertgegenstände, Hausrat und Wäsche. Pfarrer Gerards hielt jede Tag eine Andacht zum Hl. Josef.

Als die anrückenden Einheiten der Amerikaner nach tagelangen Kämpfen den Fernpass überwunden hatten und sich am 3. Mai 1945 Obsteig näherten, brachte ein deutsches Sprengkommando unter der Sturlbachbrücke in der Oberstraß 150 kg Dynamit und zwei Sprengminen an, um die Feinde aufzuhalten. Unter Lebensgefahr (die Brücke wurde bewacht) konnte der Pfarrer mit einigen anderen diese Ladungen entfernen. Wären sie zur Explosion gebracht worden, hätte das für Obsteig und seine Menschen unabsehbare Folgen gehabt. So konnten P. Gerards und der Oberförster Ferdinand Haller den Amerikanern den Ort ohne Zwischfälle übergeben. Die Amerikaner dankten es den Obsteigern, indem sie die Bevölkerung rücksichtsvoll behandelten. Ja, sie gingen hier auch zu den Gottesdiensten, die eigens für sie gehalten wurden, und zu den Sakramenten. Sie hoben auch sofort sämtliche religiösen Einschränkungen der Kriegszeit auf, so dass eine offene Religionsausübung wieder möglich wurde.

Über die sofort nach dem Krieg aufgenommenen Bemühungen zur Anschaffnung neuer Glocken wurde schon im Beitrag über den Turm erzählt (s.o.).

 

Das Kloster Stams war während der Herrschaft der NSDAP aufgehoben worden und wurde erst nach dem Krieg wieder von wenigen Patres besiedelt. Die Gebäude und die Liegenschaften befanden sich aber in einem bedauerlichen Zustand. Zum Wiederaufbau und der Verwaltung bedurfte es einer unternehmerischen Person und so wurde P. Gerards von Abt Eugen Fiderer neben seiner Seelsorgsarbeit in Obsteig damit beauftragt.

Weil ihn das viel Zeit und Kraft kostete, wurde ihm ein Kooperator beigestellt.

In Jugoslawien kamen nach dem Krieg die kommunistischen Partisanen unter Marschall Josip Tito an die Macht und hoben unter anderen Klöstern auch die Abtei Sticna (Sittich) in Slowenien auf Die Patres mussten fliehen. Der junger Priester P. Alberich Svarc kam nach Stams und fand dort eine neue Heimat.

Dieser Priester war es, der am 6. Mai 1946 Kooperator in Obsteig wurde. Es sollte eine Lebensstelle sein.

Manche Obsteiger Soldaten konnten gleich nach Kriegsende wieder heimkehren, andere mussten noch einige Zeit in der Gefangenschaft bleiben und kehrten erst nach und nach zurück. Neun sind gefallen, von elf fehlt jede Nachricht, sie gelten als vermisst.

  1. Gerards veranstaltete am 26. Jänner 1947 einen Heimkehrerabend und machte dabei den Männern den Vorschlag, als Dank für die glückliche Heimkehr und als Andenken an die Gefallenen und Vermissten auf der Wankspitze ein Kreuz aufzustellen. Im Sommer stellten es die Heimkehrer auf Dieses Gipfelkreuz konnte im Oktober 1947 eingeweiht werden.

Beim Guss der ersten Obsteiger Glocken am 12. März 1948 und der Glockenweihe im Juni war der Pfarrer noch dabei, bei der Lieferung der zweiten Glocken im Jahr 1949 nicht mehr. Pfarrer Gerards wurde vom Generaloberen des Zisterzienserordens nach Rom berufen, um dort das Amt eines „Commissarius ordinis“ für wirtschaftliche Belange aller Zisterzienserklöster zu übernehmen. Am 4. Juli 1948 hielt er eine Andacht und wurde bei der anschließenden Verabschiedung zum Ehrenbürger von Obsteig ernannt.

Im Jahr 1955 wurde er zum Abt von Seligenporten in Deutschland gewählt, verbrachte aber seine letzte Zeit im Zisterzienserkloster Mehrerau am Bodensee, wo er 1974 starb.

Sein Nachfolger, P. Alberich Svarc, sammelte seine ersten Erfahrungen in der Seelsorge in slowenischen Pfarreien und hatte sich in Obsteig als engagierter und umsichtiger Kooperator bewährt. Daher wurde ihm auch gleich nach dem Weggang von P. Gerards die Pfarre anvertraut.

Pfarrer Svarc wurde 1911 in Bolfenk bei Ptuj (Pettau) in Slowenien geboren und 1934 in Laibach zum Priester geweiht. Danach war er bis 1945 in der Seelsorge in Sticna tätig und floh nach der kommunistischen Machtübernahme nach Kärnten, wo er für ein Jahr in St. Andrä im Lavanttal Seelsorger war. Schließlich kam er nach Stams und von dort nach Obsteig.

Der erste Höhepunkt für den neuen Pfarrer waren ohne Zweifel der Guss und die Weihe der weiteren Obsteiger Glocken am 23. Oktober 1949 durch Abt Eugen Fiederer. Wie sein Vorgänger verstand es Pfarrer Svarc, bei Gottesdiensten und Festen alle Sinne der Gläubigen anzusprechen. Das erlebten die Obsteiger besonders bei den beiden Primizen in den Jahren 1953 und 1961.

Am 15. August 1953 feierte P. Philipp Thaler aus Wald (Thalerbauer) sein erstes heiliges Messopfer in der Heimatgemeinde, und am 30. Juli 1961 war P. Wolfgang Riser aus der Unterstraß (Tschalper). Beide Primizianten waren Patres aus dem Servitenorden. Was hier Pfarrer Svarc alles aufbot, um die Feste schön zu feiern, ist viel.

Der letzte aus Obsteig gebürtige Priester, Josef Rieser, wurde am 28. April 1889 geweiht.

 

Von September 1957 bis September 1959 wurde P. Alberich als Subprior nach Stams und als Aushilfspriester nach Mötz geholt. In der Zwischenzeit versorgte P. Franz Moosmann die Pfarre Obsteig. Pfarrer Moosmann war herzkrank und erhoffte sich in der gesunden Höhenlage von 1000 Metern eine Linderung seiner Beschwerden.

Franz Moosmann wurde 1893 in Weingarten in Württemberg geboren, war also 64 Jahre alt, als er nach Obsteig kam.

Mit Energie widmete er sich der Kirche und dem Religionsunterricht in den Schulen Obsteig und Holzleiten. Wahrscheinlich verbrauchte er hier seine letzten Kräfte, denn das Herzleiden führte schließlich am 23. Mai 1959 im Krankenhaus Zams zum Tod.

  1. Maurus Grebenc, wie Pfarrer Svarc ein Konventuale aus der Abtei Sittich, versah vorläufig als Pfarrprovisor die Seelsorge Obsteig. Er war den Obsteigern kein Unbekannter, denn er war immer wieder als Aushilfspriester hier. Seine freundliche und konziliante Art machte ihn bei der Bevölkerung beliebt. Doch seine Aushilfszeit in Obsteig dauerte nicht lange, denn im September kam wieder Pfarrer Svarc nach Obsteig zurück.

Am 16. Mai 1970 gründete er den ersten Pfarrgemeinderat in Obsteig. Dieser hat die Aufgabe, gemeinsam mit dem Pfarrer die seelsorglichen Belange der Gemeinde zu beraten. Das betrifft alles, was über die finanziellen Fragen der Ortskirche hinausgeht. Damit ist der Pfarrgemeinderat keine Konkurrenz zum Kirchenrat, der sich um die materiellen Dinge (die Finanzen, das Bauliche, die Liegenschaften usw.) kümmert. Während der Kirchenrat vom Pfarrer bestellt wird, erfolgt die Einsetzung der Pfarrgemeinderäte in einer Wahl durch die Pfarrmitglieder.

Seit Dezember 1972 wurden Besprechungen über die Außenrestaurierung der Kirche geführt, die aber vorerst zu keinem Ergebnis führten. Nach der Gemeinderatswahl 1974 nahm P. Alberich einen weiteren Anlauf, ein Komitee wurde zusammengestellt und die Arbeiten wurden in Angriff genommen. Am 2. Juli wurde begonnen. Anfangs wollte Pfarrer Svarc bis zum Winter fertig sein, doch das schlechte Wetter von Oktober bis Dezember mit Regen und Schnee machte das nicht möglich. So blieb die Kirche über den Winter eingerüstet.

Im darauffolgenden Jahr konnten die Arbeiten abgeschlossen werden.

Die Kirche wurde gründlich trocken gelegt, die Mauern wurden frisch verputzt und gemalt, das Dach neu eingedeckt und alle Blechteile erneuert. Die Abrechnung ergab eine Ausgabensumme von 628.000 Schilling. Diese Arbeit erforderte vom Pfarrer, der nicht mehr ganz gesund war, sehr viel Einsatz und kostete ihn einiges an Substanz.

Am 15. Mai 1977 erhielt Obsteig von der Landesregierung ein Gemeindewappen. Es zeigt auf goldenem Grund eine Lärche, die aus den schwarzen Zürnen der Burg Klamm emporwächst. Die Wappenverleihung durch den späteren Landeshauptmann Alois Partl war ein großes Fest, bei dem Pfarrer Svarc von Bürgermeister Anton Riser zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt wurde. Er war 31 Jahre lang mit vollem Einsatz Seelsorger in Obsteig.

Am 31. Oktober 1977 verließ er die Gemeinde und setzte sich im „Haus zum Guten Hirten“ in Hall zur Ruhe, wo er noch 20 Jahre lebte. Er starb im Juni 1997 und wurde auf seinen Wunsch im Priestergrab von Obsteig begraben.

Die Jahre seines Wirkens fielen in eine Zeit, die für Obsteig viele Veränderungen brachte. Aus der rein landwirtschaftlich orientierten Gemeinde entwickelte sich langsam ein Dorf, das sich zusehends dem Fremdenverkehr öffnete.

Zwar wurde in Obsteig als einer der ersten Tiroler Gemeinden schon 1902 ein

„Verschönerungsverein“ gegründet, doch der Erste Weltkrieg, die harte Zwischenkriegszeit mit den großen wirtschaftlichen Einbrüchen und dann der Zweite Weltkrieg ließen einen

 

Tourismus großen Stils nicht richtig aufkommen. Die Prosperität der fünfziger Jahre brachte neue Hoffnung und eine Wiedergründung des „Verkehrsvereins“, wie er nun hieß. Die Gasthöfe verzeichneten größere Umsätze und in vielen — damals alten – Bauernhöfen wurden schmucke Gästezimmer eingerichtet.

Der Skiklub wurde gegründet und Loipen für das Langlaufen gezogen. Im Jahr 1970 wurden die Lifte am Grünberg gebaut.

In den sechziger Jahren erfolgte die Grundzusammenlegung der vormals kleinstrukturierten Landwirtschaftsflächen und mit ihr der Neubau vieler Bauernhöfe. Diese Höfe wurden so geplant, dass Fremdenzimmer Platz fanden und viele Bauern nebenbei zu Privatzimmervermietern wurden. Auch in den meistens neu gebauten Siedlungshäusern reservierte man einige Zimmer für Gäste.

Durch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung fanden viele Obsteiger auswärts eine Verdienstmöglichkeit, manche besuchten höhere Schulen. So änderte sich langsam auch die Bevölkerungsstruktur der Gemeinde und neben der bäuerlichen Bevölkerung gab es das Dienstleistungsgewerbe, die Arbeitnehmer und die geistigen Berufe.

Diese Entwicklung vollzog sich während der Amtszeit P. Alberichs und das Dorf hatte nicht nur baulich, sondern auch menschlich bei seinem Weggang ein völlig anderes Gesicht als bei seinem Amtsantritt nach dem Krieg.

Eine weitere Änderung hatte Pfarrer Svarc mitzutragen und in seiner Seelsorge umzusetzen. Papst Johannes XXIII. berief Anfang der sechziger Jahre das Zweite Vatikanische Konzil ein. Die Beschlüsse der Kardinäle schufen Neuerungen, die tief in das pfarrliche Leben jeder Gemeinde eingriffen.

Bisher war der Pfarrer die Person, die seelsorgliche Belange weitestgehend selbst entschied und vollzog.

Die Gottesdienste wurden in lateinischer Sprache gehalten, wobei der Priester während der ganzen Messe mit dem Gesicht zum Hochaltar stand und den Menschen den Rücken zukehrte. Die Gläubigen konnten so nicht verstehen, was der Priester da alles sagte. Besonders schlimm war das bei so genannten „stillen Messen“. Man behalf sich manchmal mit dem Gesang des Kirchenchores, der auch lateinisch sang, oder mit „Gemeinschaftsmessen“, bei denen die Menschen Messtexte lasen und ohne den Priester ihre Lieder sangen.

Das Konzil änderte dies, indem es anordnete, dass die Messen in der jeweiligen Landessprache gehalten werden müssen, und der Priester den Gottesdienst mit dem Gesicht zur Gemeinde (versus populum) lesen muss. Damals wurden der Volksaltar und der Ambo geschaffen. Dagegen trat zwar eine Gruppe konservativer Geistlicher auf (die so genannte „una voce“ — Bewegung), doch ohne Erfolg.

Eine Regelung des Konzils betraf auch den Empfang der Kommunion. Die bisherigen Kommuniongitter vor dem Presbyterium, vor denen die Menschen niederknien mussten, wurden entfernt, die Gläubigen erhalten jetzt stehend die Hostie, die ihnen bisher auf die Zunge gelegt wurde (sehr unhygienisch), in die Hände. Außerdem musste man früher bis zum Empfang der Kommunion völlig nüchtern sein, was bei manchen Leuten Kreislaufprobleme verursachte. Dieses Nüchternheitsgebot wurde gestrichen.

Eine weitere Änderung betraf die aktive Mitgestaltung der liturgischen Feiern und die Verantwortung für die Seelsorge durch die Bevölkerung. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren sowie Vereine sollten zur Mitarbeit herangezogen werden. Zu diesem Zweck wurde der Pfarrgemeinderat eingeführt, der bei der Planung und Durchführung helfen soll. In dieses Gremium müssen Männer, Frauen und Jugendliche gewählt werden. Der Vorsitzende bleibt aber immer der Pfarrer.

Gerade in der jetzigen Zeit des Priestermangels kommt dem Pfarrgemeinderat eine wichtige Stellung zu. Gemeinden ohne Pfarrer werden immer häufiger und werden von Pfarrkuratoren oder Pfarrmoderatoren betreut, das Schlagwort der gemeindeübergreifenden Seelsorgsräume nimmt immer mehr Gestalt an. Es folgt in der Zukunft die weitgehende Selbstverwaltung der Pfarren ohne geweihten Priester.

Manche Pfarrer begrüßten die grundlegenden Neuerungen des Konzils mit Freude und setzten sie sogleich in die Tat um, andere taten das nicht so gern. Pfarrer Svarc ließ bald nach dem Konzil von der Firma Hafner in Silz einen Volksaltar anfertigen und vom Obsteiger Bildhauer Hermann Rieser mit Schnitzereien versehen. 1970 (s.o.) führte er die erste Pfarrgemeinderatswahl durch.

Zu seinem Goldenen Priesterjubiläum besuchte ihn eine große Abordnung aus Obsteig mit dem Gemeinderat, der Musikkapelle, dem Pfarrgemeinderat und Leuten aus der übrigen Bevölkerung in Hall. Ihm, der aus der slawischen Volksgruppe stammte, sang der Wiltener Sängerchor zur Messe Lieder in altslawischer Sprache.

Zum Diamantenen Priesterjubiläum im September 1994 saß er schon im Rollstuhl und die Gemeinde holte ihn nach Obsteig. Zur Gratulation war alles gekommen, was man im Dorf auf die Beine bringen konnte.

Und so war es auch bei seiner Beerdigung im Juni 1997.

Nach der Übersiedlung von Pfarrer Svarc in das „Haus zum Guten Hirten“ blieb die Seelsorge Obsteig nicht einen Tag lang verwaist.

Sein Nachfolger, P. Stefan Köll, kam bereits am Allerheiligentag 1977 hierher und feierte Gottesdienst.

  1. Stefan wurde im Jahr 1913 in Stams geboren und entstammte einer alteingesessenen Familie. Aus diesem Geschlecht kam auch ein zweiter Zisterzienserpater, Josef Köll. Infolge seines gewinnenden Wesens wurde dieser allgemein „Pater Jo“ genannt. Er wurde später Abt von Stams.
  2. Stefan erhielt 1938 die Priesterweihe. In den Krieg musste er im Jahr 1942 einrücken und machte Dienst als Sanitäter, bis er in englische Gefangenschaft geriet.

Durch 29 Jahre war er dann Prior im Kloster bis zu seiner Versetzung nach Obsteig. In einem Alter, in dem andere in Pension gehen, übernahm er diese Pfarrei mit 64 Jahren.

Er lebte zwei Jahre ohne Haushälterin in einem Widum, das so renovierungsbedürftig war, dass man über Jahre darüber diskutierte, ob man es abreißen oder in einer großen Aktion von Grund auf sanieren soll. Um ihm einigermaßen standesgemäße Wohnverhältnisse zu verschaffen, erhielt er von der Gemeinde die ebenerdige Lehrerwohnung im Schulhaus. Dort blieb er, solange er in Obsteig war.

Mit der Tatkraft eines Jungen ging P. Stefan die Innenrestaurierung der Kirche an. Zu Ostern 1979 wurde in der „alten“ Kirche das letzte Mal Gottesdienst gefeiert, danach über zwei Jahre lang im Schulhaus. Erst zu Weihnachten 1981 konnte man die Kirche wieder benützen. Pfarrer Köll ließ im Kirchenraum vom Boden bis zum Gewölbe buchstäblich alles erneuern. Die weiß lackierten barocken Kirchenbänke wurden abgebeizt und mit einer Heizung versehen, ein neuer Steinboden verlegt, die Vertäfelung herausgenommen, die Altäre restauriert, die Empore und ihr Aufgang erneuert und die zwei Gewölbe mit Fresken von Wolfram Köberl versehen. Der vielbeschäftigte Künstler war es, warum man mit der Fertigstellung länger warten musste, aber das Warten hat sich gelohnt. Bei der Weihnachtsmette 1981 war die Kirche nicht wieder zu erkennen.

  1. Stefan war ein begeisterter Förderer der Musik. So begann er wieder mit einem kleinen Kirchenchor, um die größeren Feste und die Beerdigungen schöner zu gestalten. Ein großes Anliegen war ihm auch die Orgel von Johann Georg Gröber , die er von der Firma Pirchner in Steinach wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen ließ. Im Oktober 1984 bei der Orgelweihe erklang das Instrument wieder, wie es sein Erbauer 1848 geschaffen hatte.

 

In Obsteig bleibt Pfarrer Köll als unermüdlicher Eiferer für die Seelsorge in Erinnerung. Er hielt sich selten in seiner Wohnung auf, sondern war vorwiegend bei den Menschen. Da er keinen Führerschein hatte, kam er mit seinem Moped zu den Leuten. Trotzdem (oder weil) er fast immer lachte und einen hoffnungsvollen Humor verbreitete, war er auch in spiritueller Hinsicht sehr aktiv. Er leitete viele Besinnungs- und Einkehrtage und war Leiter des Tiroler Stefanuskreises, einer theologisch-philosophischen Vereinigung mit hochstehendem Niveau.

Während seiner Zeit ist zweimal in die Kirche eingebrochen worden. Kirchendiebstähle häufen sich in den letzten Jahrzehnten überhaupt sehr stark. Die Diebe suchen nach Kunstgegenständen, die sie meistens an Hehler weiterverkaufen.

Beim ersten Einbruch im September 1984 versuchte jemand, den Tabernakel aufzubrechen und machte das Schloss dabei unbrauchbar. Doch die kostbare Monstranz und das Ziborium konnten nicht entwendet werden.

Im Jahr 1984 wurden beim bekannten Krippenschnitzer Rudolf Röck in Wenns neue Krippenfiguren in Auftrag gegeben. Viele Obsteiger, vor allem die Unternehmer und P. Stefan, leisteten großzügige Beiträge zur Finanzierung der vielen Figuren.

Die neue Krippe konnte nur zweimal aufgestellt werden, nach dem zweiten Mal wurden alle Figuren gestohlen (Silvester 1986).

Im März 1986 wurde Pfarrer Köll 73 Jahre alt und die Seelsorge Obsteig wurde ihm zu beschwerlich. Er bat den Abt nun um eine Ablöse. Dieser beauftragte den jungen Religion- ­und Englischprofessor des Meinhardinums, P. Mag. German Erd, die Pfarre zu übernehmen. Im Oktober kehrte P. Stefan nach Stams zurück und P. German trat sein Amt an.

Bei der Verabschiedung erhielt P. Stefan die Urkunde über die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Obsteig.

Im April 1988 feierte er das Goldene Priesterjubiläum, doch seine Gesundheit nahm langsam, aber zusehends ab. Er starb im September 1995 in Stams.

  1. German wurde am 9. Mai 1948 in Vils geboren und trat 1968 in das Kloster Stams ein. Seine Priesterweihe erhielt er 1974. Die Studien in Oxford und Salzburg befähigten ihn zu den beiden oben genannten Lehrämtern. Diese behielt er neben seiner Seelsorgstätigkeit in Obsteig bei voller Lehrverpflichtung aufrecht. So musste er immer zwischen seiner Pfarre und dem Gymnasium pendeln. Doch nahm er seine Aufgabe als Seelsorger sehr ernst und unterrichtete auch einige Stunden in der Volksschule Religion, damit die Kinder ihren Pfarrer kennen lernten.
  2. German lebte wie sein Vorgänger zuerst in der Lehrerwohnung des Schulhauses. Er konnte aber ab Mai 1991 in das renovierte Widum einziehen.

Nach jahrelangen Diskussionen hatte man sich nämlich entschlossen, das bestehende, aus dem 18. Jahrhundert stammende Pfarrhaus nicht abzureißen, sondern gründlich zu restaurieren und innen umzugestalten. Die Pläne dazu stammen vom Architekten Gratl aus Innsbruck, der sich mit der Revitalisierung zahlreicher Altstadthäuser von Hall einen hervorragenden Ruf erworben hatte.

Das große Problem war vorerst die Trockenlegung des Gebäudes, denn im Untergeschoss stand meistens knöcheltief Wasser. Die Balkendecken wurden durch Beton ersetzt und das Stiegenhaus so umgebaut, dass der Haupteingang von der Straßenseite auf die Westseite des Hauses verlegt wurde. Die Räume wurden zum Teil neu eingeteilt und dort, wo früher das Schulzimmer und dann der Speisesaal war, ein geräumiger Pfarrsaal geschaffen. Die alte Garage wurde abgerissen und (erst 1999) durch eine neue ersetzt. Der alte Dachstuhl — eine wunderschöne Zimmermannsarbeit — konnte belassen werden, doch das Dach wurde neu gedeckt.

Bei den Arbeiten am Außenputz konnte man feststellen, dass früher die Fenster und Türen mit barocken Fassadenmalereien umrahmt waren. Diese wurden in ähnlicher Form wieder neu angebracht.

Die Arbeiten waren im Frühjahr 1991 so weit fertig, dass das Widum wieder bezogen werden konnte. Zum Ende der großen Dorfbildungswoche im Mai 1991 wurde es von Dekan Tiefenthaler (Silz) eingeweiht.

  1. German öffnete das Haus bereitwillig für die ganze Bevölkerung. Seien es die Senioren oder die Mutter-Kind-Gruppe (MuKi), die Musikschule, der Kirchenchor oder die Gruppe für das Gedächtnistraining, alle guten Initiativen in der Gemeinde waren ihm willkommen und wurden von ihm unterstützt. Der Pfarrsaal war — und ist auch heute noch – fast ausgebucht. Offen war der Pfarrer stets auch für alle Menschen. Er suchte das Gespräch und diskutierte gern mit jedermann. Bei den Sternsinger-Aktionen ließ er es sich z. B. nicht nehmen, einen Tag lang die drei Königen zu begleiten, um möglichst viele Leute daheim aufzusuchen und sich mit ihren Sorgen vertraut zu machen.

Als man im Sommer 2002 erfuhr, dass der beliebte Pfarrer von Obsteig abgezogen wird, war die Bevölkerung sehr betroffen. P. German wurde Direktor des Gymnasiums Meinhardinum in Stams. Dieses neue Amt war mit der Seelsorge Obsteig nicht mehr vereinbar. Im September nach der Mariä-Namen-Prozession wurde er von der Bevölkerung verabschiedet. Zur Zeit P. Germans (im November 1994) wurde übrigens wegen verschiedener Unstimmigkeiten wegen des Mesnerdienstes der sonntägliche Gottesdienst in Holzleiten — seit Sommer 1945 aufrecht — wieder eingestellt. Diesen Gottesdienst besuchten die Bewohner von Holzleiten, Aschland, Weisland und Arzkasten.

Als der bisherige Abt Josef Maria Köll im September 2003 aus Altersgründen resigniert hatte, wurde P. German im Oktober vom Konvent zum neuen Prälaten des Stiftes Stams gewählt. Der Gemeinderat von Obsteig beschloss, ihn am Josefitag (19. März) 2004 zum Ehrenbürger zu ernennen. Er ist derzeit (2006) der einzige lebende Ehrenbürger dieser Gemeinde.

Mag. P. Augustin Neumüller wurde eine Woche nach der Verabschiedung P. Germans von der Gemeinde als neuer Pfarrer willkommen geheißen. Der 63jährige Priester war davor durch 20 Jahre Direktor des Meinhardinums und ist eben als Pädagoge in den Ruhestand getreten.

Geboren wurde P. Augustin in Etzerreit (Gern. Arnreit) in Oberösterreich und dort verlebte er auch seine Kindheit und Jugend. 1956 bis 1961 besuchte er die damalige Maturaschule in Stams, das er nur für seine Studien der Theologie und Philosophie in Salzburg verließ. Acht Jahre lang (1974-1982) versah er neben dem Religionsunterricht im Schigymnasium Stams auch die Seelsorge in Sautens. Darauf war er durch 20 Jahre Direktor des Meinhardinums, bis ihn P German in dieser Funktion ablöste.

Gesundheitliche Probleme hatte P. Augustin schon längere Zeit und er hoffte, die Höhenlage von Obsteig und die Betreuung einer relativ kleinen Gemeinde wäre seiner Gesundheit zuträglich. Doch ganz haben sich seine Hoffnungen nicht erfüllt, trotzdem er es sich etwas leichter machte und bald nach seiner Ankunft die Frühmesse am Sonntag abschaffte. Er musste sich schonen und seine Aktivitäten auf das Notwendigste beschränken. Eine große Gefäßoperation im Herbst 2005 mag den Ausschlag gegeben haben, dass er um eine Rückkehr ins Kloster angesucht hat.

Ihm wird aller Voraussicht nach im Herbst 2006 P. Andreas Rolli folgen. P. Andreas, gebürtig aus Deutschland, war über zwei Jahrzehnte Pfarrer in Flirsch am Arlberg. Näheres ist bei Herausgabe dieser Broschüre noch nicht bekannt.

Pater Andreas Rolli wurde am 28.6.1946 in Wiesental/Baden geboren.

Nach dem Besuch der Pflichtschule und der anschließenden Berufsausbildung absolvierte er ein 1-jähriges Praktikum für geistig behinderte Menschen bei den barmherzigen Brüdern. Dem schlossen sich die humanistischen Studien an den Aufbaugymnasien Hersberg und Neuss an.

1972 Eintritt in den Zisterzienserorden in Österreich und nach dem Noviziat Beginn der philosophisch-theologischen Studien an der Hochschule Heiligenkreuz und an der Universität Fribourg/Schweiz, von der er mit der Diplomarbeit in Pastoraltheologie über das Thema „Mensch und Tod“, eine Untersuchung zur Situation des Sterbens unserer heutigen Gesellschaft, abging.

  1. Juli 1977 Priesterweihe in seiner Heimatdiözese Freiburg. 1979 Übernahme der Pfarre Schnann mit Erlaubnis seines Abtes.

1984 Ernennung durch Bischof Stecher zum Jugendseelsorger des Dekanates Zams.

Mit 1. September 1986 Pfarrer von Flirsch mit Mitprovision der Pfarre Schnann. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger unterrichtete er an den Grundschulen Flirsch und Schnann und an der Hauptschule St. Anton.

Im Einvernehmen mit seinem Abt des Stiftes Stams, Josef Maria Köll, bestellte ihn Bischof Stecher mit Dekret vom 1.9.1991 zum Pfarrprovisor von Strengen.

Im Jahre 1994 Übernahme der Pfarre Pettneu mit gleichzeitiger Entpflichtung der Pfarre Strengen.

Aufgrund seiner Tätigkeit in 3 Pfarreien ernannte ihn Bischof Reinhold Stecher 1996 zu seinem 50. Geburtstag zum Bischöflichen Geistlichen Rat (Consilarius).

Nach 27-jähriger Seelsorgearbeit in den Pfarren Flirsch — Schnann — Pettneu übernahm Pater Andreas im September 2006 die stiftseigene Pfarre Obsteig und im Oktober 2007 die Pfarre Wildermieming.

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Quelle: Gemeinde Obsteig

Orginaldokument: Die Pfarre von Obsteig