in Chronik 2004 - 2005, Kapellen von Obsteig

Schon fast in Vergessenheit geraten ist diese kleine Kapelle. Auf etwa halbem Weg zwischen der Klammer Mühle und der Burg steht sie in völliger Abgeschiedenheit an einem Absturz zum Bachrand des Sturlbaches, umgeben von Gebüsch und Jungwald. Wer ihren Platz nicht weiß, geht ahnungslos vorbei. Etwa 200m westlich führt der Seniorenwanderweg über eine kleine Brücke, und wer von dort dem fast nie befahrenen Weg an der Südseite des Baches entlang Richtung Klamm wandert, sieht sie kaum, so verwachsen ist ihre Umgebung. Vor einigen Jahren wurde vom Weg zu ihr ein kleiner Steig ausgehackt. Man kommt also schon hin, wenn man weiß, wo man gehen muss.

Vor etwa 20 Jahren war das ganz anders. An der Stelle, wo sich von der Kapelle aus Richtung Wald jetzt ein dichter Jungwald hinzieht, erstreckte sich ein großes, steiles Mahd, das „Müller Feld“, das zur Klammer Mühle gehörte. Der schattige Hang war für die Kinder und Jugendlichen der Umgebung stets ein beliebter Schihang, auf dem sie auch gerne Schanzen bauten. Das Feld wurde bearbeitet, bis der Besitzer der Klammer Mühle den ganzen umliegenden Wald samt der Wiese der Agrargemeinschaft Hauptfraktion Obsteig verkaufte und sie von dieser aufgeforstet wurde. Die Kapelle selbst ist ohne angrenzenden Grund eine eigene Parzelle und gehört nach wie vor zur Klammer Mühle.

Als das Müller Feld noch bewirtschaftet wurde, konnte man die Kapelle noch gut von weitem sehen und sie hatte auch öfters Besuch. Sie war auch besser gepflegt als heute und manches kleine Zeugnis der Frömmigkeit wurde hineingestellt oder – gehängt. Trotzdem – oder weil – sie fast in Vergessenheit geraten ist, kann man diese rührenden Beispiele von Gebet oder Dankbarkeit heute noch vorfinden.

„Müllers Kappele“ ist wörtlich zu nehmen. Es war die Gebetsstätte des Klammüllers und seiner Familie und war auch in seinem Besitz. Die Kapelle war ein integrierter Bestandteil des Mühlengeländes. Das setzt auch voraus, dass sie in unmittelbarer Nähe der Mühle gestanden sein muss. Tatsächlich ist das auch der Fall. Noch heute finden wir auf der gegenüberliegenden Bachseite die Mauerreste der ehemaligen Klammer Mühle. Sie muss ein umfangreicher Gebäudekomplex gewesen sein. Sogar der Verlauf des alten Wasserkanals ist noch gut zu verfolgen.

„Bi der burch ze Clamme ein muele vnd vier iovch acher vnd 2 fueder hev sint geahtet für 6 pfunt gelt“ . Diese Eintragung enthält das Urbar des Landesfürsten Meinhard II. von Tirol im Jahr 1288. Zur Mühle gehörte auch ein Sägewerk. Während des Krieges zwischen Herzog Friedl „mit der leeren Tasche“ und den Starkenbergern (die auch Burgvögte von Klamm waren), fielen die Mühle und die Säge, die beide zur Burg gehörten, in Trümmer und lagen öd, bis Herzog Sigmund die Burg einem landesfürstlichen Pfleger als Wohnsitz überließ. So schreibt Siegfried Krezdorn in seiner Schlernschrift 268 (1979) über Klamm.

Im Jahr 1505 überließ Kaiser Maximilian I. seinem getreuen Forstknecht Hans Frech die Burg pflegweise. Dieser fand viele bauliche Mängel an ihr und suchte um finanzielle Mittel zu ihrer Restaurierung an. Die Bretter wolle er aber selbst in der Sägemühle schneiden und herbeischaffen lassen, erklärte er. Zu dieser Zeit war also scheinbar alles wieder in Stand.

Wir wissen heute freilich nicht, wann die Klammer Mühle zu ihrer Kapelle kam. Das Mauerwerk des Sakralbaues scheint aber ziemlich alt zu sein, wie man an einer Seite sieht. Während drei Seiten des Baues mehrere Putzschichten aufweisen, blieb die bachseitige Mauer unverputzt.  Das wirft freilich Fragen auf, denn es ist sicher kein Zufall. Man könnte vermuten, dass diese Seite an ein weiteres Gebäude angebaut worden war. Dies hätte aber zur Voraussetzung, dass das Bachufer einmal weiter entfernt von der Kapelle verlaufen ist und einem zumindest kleinen Bau Platz gelassen hätte. Man kann sich ja schwer vorstellen, wie das ganze Ensemble einmal ausgesehen hat. Außerdem: Der Sturlbach (,,sturlen“ heißt ahd. toben, tosen) hat im Laufe der Zeit oft sein Bachbett verändert, da er bei Unwettern gern zum Wildbach wird und sich neue Verläufe gräbt. Ob daher die Kurven, die er heute beim alten Mühlengemäuer beschreibt, immer so verlaufen sind, ist fraglich. Es ist auch die Frage, ob es Hochwässer und Vermurungen waren, die die Leute bewogen, den bisherigen Standort aufzugeben und die Mühle weiter oben anzusiedeln, oder ob andere Gründe vorlagen. Einer der Gründe könnte darin liegen, dass Kaiser Leopold I. im Jahr 1674 die Burg an die Grafen von Clary-Aldringen verkaufte und sie daher nicht mehr im Besitz des Landesfürsten, sondern im Privatbesitz war. 1688 wurde sie an Baron Raßler weiterverkauft. Wie weit die neuen Herrschaften noch Interesse an der Mühle samt Sägewerk hatten, kann man nicht wissen.

Jedenfalls ist sie früher oder später in Privatbesitz übergegangen und an ihrer heutigen Stelle erbaut worden. Das hatte für die Kapelle zur Folge, dass sie allein und weitab dastand.

Sie ist ein einfacher, quadratischer Bau mit den Maßen 3x3m und einem Satteldach, mit Eternitschindeln gedeckt. Ost- Süd- und Westseite sind verputzt mit angedeuteter Eckquaderung, wobei durch Abwitterung auch ältere Putzschichten zu Tage treten. Auf einer alten Schicht mit Rötel erkennt man unleserliche Namenszüge und die Jahreszahlen 1693 und 1746. Ost- und Westseite haben je ein Rundfenster mit 30 cm Durchmesser, die Rundbogentür ist eng und nieder.

Innen ein Kreuzgewölbe, ein Altartisch und 4 Bänke. An der Altarwand hängen ein Kreuz mit Metallkörper und seitlich davon ein Herz Mariä- und ein Herz Jesu-Bild. Zwei schöne gedrechselte Holzleuchter (22 cm) und ein Votivbild auf dem Tisch sind interessant.

Das 26×20 cm große Bild zeigt eine Kreuzigung mit Maria und Johannes, sowie eine knieende Frau und die Schrifttafel „EX VOTO 1865″. Öl auf Holz. An der Rückseite die Bleistiftmitteilung „ Kreszenz Propst und Maria Propst von Obermieming 1863, kostet 60 (?)..Wohnung..Nothburga Thaler von Mieming hat gemacht und geschenkt 1882″. Weiters finden wir ein goldgesticktes Reliquiar ( 13×7 cm) und eine Hinterglasmalerei „St. Isidor“ mit den Maßen 21×29 cm.

Eine gerahmte Stickerei mit den Initialen „ Z.A. Anton Rappold „, die auch ein verblichenes Foto aufweist, hängt an der linken Wand. Die Kapelle beinhaltet darüber hinaus noch etliche billige Farbdrucke.

Sie ist ein Zeugnis früherer gelebter Frömmigkeit und die Kleinigkeiten, die man in ihr findet, sind lieb und rührend. Daher – und auch wegen ihrer sicher langen Geschichte – wäre es schade, wenn sie verfiele. Baulich schaut sie nämlich vernachlässigt aus. Schimmelpilz und Mauerfraß sind festzustellen. Es gehört unbedingt etwas getan.

 

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Quelle: Gemeinde Obsteig

Orginaldokument: Müllers Kapelle