Die Müller von Klamm

Sagen und Märchen aus Obsteig, erzählt von Toni Riser zu besonderen Orten und Plätzen in und um Obsteig.

Die Müller von Klamm

Zur Burg Klamm gehörte einst eine  Kornmühle, angetrieben vom Wasser des Klammbaches. Dort lebte ein alter  Müller mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Oft saßen die beiden Müllersöhne am Rande des Müllerfeldes, dort wo der Sturlbach im Bogen um einen kleinen Hügel floss und schauten dem fließenden Wasser zu.  Wohin rann dieses Wasser so Tag und Nacht immerzu?

Woher das Wasser kam, das so fleißig und sicher das schwere hölzerne Mühlrad trieb,  nämlich vom Ursprung im Lehnbergtal, das war den jungen Müllern längst bekannt. Den älteren Müllersohn packte die Wanderlust. Es wollte unbedingt sehen, wohin dieses Wasser floss, das immerfort ihr Mühlrad trieb.

So bat er den alten Müller um sein Erbteil und zog fort. Er versprach dem alten Müller irgendwann zurück zu kommen und ihm und seiner Frau von der Reise zu erzählen. Er wanderte den  Inn entlang, arbeitete zwischendurch als Flößer, kam an die Donau, verdingte sich als  Mahlknecht in fremden Ländern und schließlich ging seine Reise bis an das Schwarze Meer. Sieben Länder hatte er durchwandert, große Städte gesehen, andere Sprachen gelernt , fremde Sitten und Gebräuche erfahren und gelernt feinstes Mehl zu mahlen.

Sieben Jahre war er unterwegs und kehrte nach dieser langen Zeit wieder zurück. Von Mötz aus schritt er voll Erwartung den alten Saumweg  zur Burg Klamm hinan und freute sich auf ein Wiedersehen mit seinem Bruder dem jungen Müller und mit seinen Eltern.

Doch groß war sein Schrecken als er an der Burg Klamm vorbei über die Klammer Felder auf die Mühle zu ging.  Dort wo die alte Mühle stand, sah er nur mehr einen kleinen Rauchfaden aus den verkohlten Balken aufsteigen.  Doch niemand war zu finden bei der abgebrannten alten Klammer Mühle. Der Mühlbach war trocken, der früher so blühende Garten war verwildert, nur der alte Mühlstein schien noch so zu sein, wie er ihn bei seinem Abschied verlassen hatte. Traurig setzte sich der zurückgekehrte Müllersohn auf den alten Mühlstein vor den noch rauchenden Überresten der alten  Mühle. Aus der Ferne , hörte er von Untermieming das große Glockengeläut. Dieses Große Geläut kündete gerade ein  Begräbnis an, so wie es noch heute Brauch ist.  Ahnungsvoll eilte der Müllersohn nach Untermieming und kam gerade dort an, als die Nachbarn den Sarg mit dem alten Müller in dessen Grab absenkten. Traurig blickte der zurückgekehrte Müllerssohn in die Runde der vielen Leute und suchte seine Mutter und seinen Bruder. Doch auch diese Beiden waren nicht mehr unter den Lebenden.

Die Nachbarn aus Wald berichteten ihm, was geschehen war. Sein Bruder, der junge Müller war bei einem Hochwasser  unglücklich in den Klammbach gefallen als er vom Müllerfeld über die kleine Holzbrücke nach Hause eilen wollte. Der junge Müller ertrank dabei.  Der Klammbach hatte so gewütet, dass er  sein Bachbett einige Meter tiefer grub. So kam kein Wasser mehr über den Mühlbach.  Also stand das Mühlrad still,  und still wurde es in der alten Klammer Mühle. Bald darauf starb die Mutter aus Gram über den Verlust des jungen Müllers.

Sein Vater, der alte Müller war nun ganz alleine in der altem Mühle. Kein Mühlrad drehte sich mehr. So wartete  der alte Müller jeden Tag voll Hoffnung auf die Rückkehr seines ältesten Sohnes.  Bei Sonnenschein saß er draußen auf einem alten Mühlstein vor dem Haus, bei Regen drinnen hinter dem Fenster der Mahlstube.  Meist stellte der alte Müller eine Kerze auf die Fensterbank , zur Erinnerung an seinen ertrunkenen Sohn und seine verstorbene Frau, aber auch damit sein älterer  Sohn, wenn er zurückkomme ,  die Mühle auch bei Nacht nicht verfehle.

Vor zwei Tagen, es war Sonntag,  setzte sich der alte Müller wieder vor  die Mühle  auf den alten Mühlstein.  Müde vom langen Warten auf die Rückkehr seines ältesten Sohnes schlief er dort ein und sein Herz hörte auf zu schlagen. So starb der alte Müller auf seinem alte Mühlstein vor seiner alten Mühle.

Auf der Fensterbank brannte noch immer die Kerze vom gestrigen Abend . Die Kerze erlosch nicht wie das Lebenslicht des alten Müllers, sonder  sie  entzündete den Vorhang der Stube und bald stand die ganze Mühle in Flammen.  Als die Walder  Bauern von der  Sonntagsmesse in Untermieming zurückkehrten, brannte die alte  Mühle lichterloh.

Der alte Müller saß tot auf seinem Mühlstein vor dem brennenden Haus.

Traurig, dass er zu spät gekommen war, um dem alten Müller noch wie versprochen, von seiner langen Reise zu erzählen, ging der Müllerssohn mit den Nachbarn aus Wald zurück zur Mühle.  Zur Erinnerung an seinen Bruder und seine Eltern baute der Müllersohn ein kleine Kapelle auf dem Müllerfeld. Genau an jener Stelle, wo einst sein Bruder und er dem Klammbach zusahen, wie dieser unablässig plätschern dahinfloss,  und er , der Ältere damals  beschloss, auf Wanderschaft zu gehen. Inzwischen steht dieses „Müller Kappele“ versteckt im Wald, der sich auf dem Müllerfeld breit gemacht hat.

Weiter oben,  wo man den Klammbach noch Sturlbach nennt, dort bei der Walder Kirchwegbrücke ,  errichtete der Müllerssohn eine neue Mühle, die viele Jahrhunderte lang das Korn der Burg Klamm und der Obsteiger Bauern gemahlen hat. Diese  Klammer Mühle wurde knapp vor der Jahrtausendwende abgetragen und durch Wohnbauten ersetzt.

So erinnern heute nur mehr wenige verfallene Mauern und ein Teil des Mühlgrabens an die alten Klammer Mühlen  und das kleine “ Müller Kappele“ an die vielen Generationen der Müller von Klamm.

 

Die Müller von Klamm, eine Sage, passend zum „Müller Kâppele“ , welches früher frei im Müller Feld lag wurde erdacht und aufgeschrieben von Toni Riser. Dieses Müller Feld wurde in einem Aufforstungsprogramm des Landes Tirol als Ausgleichsfläche für die Rodungen zur Erweiterung der Mooswaldsiedlung in Obsteig , um 1970 mit Lärchen und Fichten bepflanzt. So liegt dieses Kâppele heute versteckt und muss immer wieder im Wald freigelegt werden. Im „Obsteiger Kapellenweg“ von Hubert Stecher ist nachzulesen, dass diese Kapelle mit der Jahreszahl 1693 vielleicht eine der ältesten  Obsteiger Kapellen ist.  Am Giebel der Kapelle ist noch das  16. Jahrhundert und ein Teil eines aufgemalten Mühlrades zu erkennen.  Ein mit Rötel aufgemalter Namenszug trägt die Jahrzahl 1693.

( Anm. „Kâppele“ nennt man in Obsteig eine kleine Kapelle).

Auf der anderen Bachseite, unweit östlich der Fußgängerbrücke liegt versteckt noch ein Rest der Ruine der ältesten Klammer Mühle, welche im 13. Jahrhundert zur Klamm gehörig, urkundlich erwähnt ist (Beitragsbild). Der Mühlgraben ist noch deutlich sichtbar. Eine spätere Klammer  Mühle bestand auf dem kleinen Angerle etwa 100 m unterhalb der Walder Brücke. Die zuletzt an der Walder Brücke stehende Klammer Mühle, bis um 1955 noch von Albert Schletterer betrieben, wurde  abgerissen und durch eine Wohnsiedlung ersetzt.

 

Toni Riser.

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Quelle: Toni Riser

Orginaldokument: Die Müller von Klamm